Georg Friedrich Händels „Semele“ sollte das Regiedebüt der Choreographin und Regisseurin Laura Scozzi an der Komischen Oper werden. Doch nach einer Woche musste die Regisseurin aus gesundheitlichen Gründen die Arbeit abbrechen, und Hausherr Barrie Kosky übernahm, obwohl er das Stück, wie er sagt, „nicht wirklich“ kannte. Die szenische Idee, die Scozzi mit ihrer Ausstatterin Natacha Le Guen de Kerneizon entwickelt hatte, übernahm Kosky: Die „Semele“ spielt in einem ausgebrannten Barocksaal, schwarz, verkohlt, zerbröselt, die Titelheldin entsteigt zu Beginn einem Aschehaufen – ihrer eigenen Asche.

Semele ist die Geliebte Jupiters. Um die Zweisamkeit zu stören, flüstert Jupiters Gattin Juno der Semele in falscher Gestalt ein, sie solle Jupiter bitten, ihr in seiner wahren Gestalt zu erscheinen. Bekanntlich überleben Sterbliche das nicht, deshalb die Verkleidungen als Stier, Geld oder normaler Mensch. Jupiter nähert sich Semele auf ihren Wunsch als Blitz, sie zerfällt zu Asche.

Frauen, die zu viel wissen wollen

Juno hatte behauptet, Semele würde im Angesicht des wahren Jupiter Unsterblichkeit erlangen, Semeles Tod ist also Strafe für ihre Hybris. Heute würde man vermutlich das Verlangen der Semele in eine Reihe stellen mit Elsas Frage nach dem Namen des Schwanenritters in „Lohengrin“ und Judiths Bitte um das Öffnen der siebten Tür in „Herzog Blaubarts Burg“: Frauen, die zu viel wissen wollen über ihren Geliebten, begeben sich in Lebensgefahr.

Aber davor gibt es Momente reinen Glücks: Semele wird von Jupiter aus der arrangierten Hochzeit mit Athamas entführt – für die Sinnenfreude, mit der sie in höheren Gefilden anlangt, für das von Jupiter ausgemalte Arkadien findet Händel Töne, die es bei Bach nicht gibt, wo der Mensch entweder schuldig ist oder für seine Erlösung danken muss. Händel entwirft eine Landschaft, in der der Mensch frei bleiben könnte – wenn es ihn nicht hinreißen würde. Aber auch dafür ist nicht er verantwortlich, sondern ein Schicksal, das sich bei Semele in Junos Einflüsterung verkörpert.

Evan Hughes in der kurzen Rolle des Schlafs

So etwas hört man bei Kosky eher, als dass man es sieht, zur Sinnlichkeit ist ihm erstaunlich wenig eingefallen. Wenn sich Semele zu Beginn aus der Asche erhebt, wird die Geschichte retrospektiv erlebt. Händel selbst hat in seiner Ouvertüre Bilder von Blitzen imaginiert, aber sollen sie anzeigen, dass die Geschichte schon geschehen ist, oder schweben sie als Drohung über dem Folgenden? Der Sinn von Koskys retrospektivem Blickwinkel bleibt dunkel. Den nicht sonderlich tief gezeichneten Figuren meint man anzumerken, dass dem Regisseur nicht viel Zeit blieb, sich an sie zu gewöhnen. Sichtlich soll Semele als Liebende und Leidende ernst genommen werden.

Nicole Chevalier – am Morgen der Premiere am Sonnabend noch so indisponiert, dass Heidi Stober als Stimmdouble schließlich untätig im Orchestergraben saß – gibt der Rolle viel Farbe, Innigkeit und Zorn. Für die endlosen Koloraturen ihrer letzten Arie erntet sie stürmischen Applaus, den sie am Ende mit einer Handbewegung relativiert, denn an zahlreichen zu tief intonierten Tönen machte sich bemerkbar, dass sie gegen einen Virus ankämpfte.

Magische Momente

Allan Clayton als Jupiter, Ezgi Kutlu als Juno, Nora Friedrichs als Iris, sie alle treten mit sonderbar gebrochenen Stimmen an, in denen zauberhafte Momente mit rätselhaft vernuschelten wechseln, sei es dass wie bei Clayton die Stimme erst ab einem bestimmten Druck läuft, sei es dass sie wie bei Kutlu in zwei kaum verbundene Register auseinanderfällt. Der stimmigste Moment gehörte Evan Hughes in der kurzen Rolle des Schlafs: Ein Bass mit Kern und Schmelz, in gleicher Weise fähig zu Koloratur und legato; in seinen Arien – die eine schläfrig, die andere liebestoll – kann er beides zeigen.

Als Erzählung funktioniert Koskys inszenierung meist gut. Vor der Dauer von Händels Oratorien und Opern – „Semele“ gilt als Oratorium, enthält aber Regieanweisungen – kann man sich fürchten, aber diese Produktion geht flüssig voran und schafft magische Momente. Sie werden entscheidend vom Orchester der Komischen Oper unter Konrad Junghänel gestaltet. Junghänel setzt nicht nur eine prägnante historische Spielweise durch, sondern setzt selbstbewusst Schwerpunkte, indem er die eine oder andere Arie eher schwach profiliert durchwinkt.

Welcher musiksprachliche Reichtum wird da offenbar von der generalbassbegleiteten Arie zum Chor samt jauchzenden Hörnern, vom einfachen Wohlklang der Arkadien-Arie bis zu den verschachtelten Kontrapunkten der Schlaf-Arie. Wenn Musiktheater vor allem Musik zum Klingen bringen soll, dann ist Koskys „Semele“ ziemlich geglückt.