Berlin - Der katalanische Regisseur Calixto Bieito weckt in Berlin nur noch gedämpfte Erwartung. Seine Blut-und-Sperma-Ästhetik war erst ein Aufreger, dann ein Markenzeichen, jetzt hat er sie weitgehend abgelegt – und dahinter ist ein eher mediokres Regietalent zum Vorschein gekommen. Die neueste Produktion an der Komischen Oper ist in der ersten Hälfte belanglos, in der zweiten immerhin interessant. Aber sind es überhaupt zwei Hälften in dem Sinne, dass aus ihnen ein Ganzes resultiert?

Es war die Anregung des Chefdirigenten der Komischen Oper Henrik Nánási, Giacomo Puccinis Komödie „Gianni Schicchi“ mit Belá Bartóks paarpsychologischem Mysterienspiel „Herzog Blaubarts Burg“ zu kombinieren – weil man „beide Stücke in ihrer Unterschiedlichkeit erleben kann“. Seltsame Begründung für eine Kombination. „Gianni Schicchi“ ist von Puccini selbst mit zwei anderen Einaktern zu einem „Trittico“ sehr unterschiedlicher Stücke zusammengebunden worden. Wenn es aus einem Nicht-Zusammenhang herausgelöst wird, um in einen anderen Nicht-Zusammenhang gestellt zu werden, wirkt das rätselhaft.

Bieito konstruiert immerhin eine Verbindung zwischen den Stücken: Das junge Paar Rino und Lauretta, das am Ende von „Gianni Schicchi“ dank einer raffinierten Erbschleicherei endlich genügend Mittel hat, um zu heiraten, verlässt die Bühne – im unmittelbar anschließenden „Blaubart“ betreten Blaubart und Judith das selbe Bühnenbild, das man spontan für das gealterte Paar aus „Gianni Schicchi“ hält. „Herzog Blaubarts Burg“ erscheint somit als die Geschichte nach dem Happy End: Die Kulissen gleiten auseinander, drehen sich, zeigen sich mal als verfallenes Prachtgemäuer, mal als Herrenklo. Schließlich ist das Paar auf leerer Bühne.

Surreale Bilderfolge

Die symbolistische Struktur mit sieben Türen, die ins Innere von Blaubarts Seele führen, verwandelt Bieito in eine surrealistische Bilderfolge. Das ist durchaus ein Gewinn – die Inszenierung verwandelt das Symbolische im Libretto von Belá Balasz in Klartext, aber verrätselt ihn auf ihre Art wieder. Die schrittweise seelische Entblößung etwa übersetzt Bieito in eine körperliche Entblößung, die an der Haut nicht Halt macht: Judith stößt Blaubart gegen den Spiegel im Herrenklo, dass er zu bluten beginnt – jenes Blut, von dem im Stück ständig die Rede ist. Damit zeigt Bieito, dass nicht nur Blaubart am Ende Gewalt gegen Judith übt, sondern dass ihr Wille, in sein Innerstes vorzudringen, nicht weniger gewaltsam ist.

So gewinnt der szenische Verlauf eine Autonomie gegenüber Bartóks Musik, die keine Bühne benötigt, um stärkste Wirkung zu entfalten. Ausrine Stundyte als Judith indes braucht die Bühne, weil ihrer Stimme die Durchschlagskraft für die dramatische Partie fehlt – ein Mangel, den sie durch präsentes Spiel kompensieren kann.

Gidon Saks muss derlei nicht, seine stimmliche Statur ist beeindruckend genug, um die Gewalttätigkeit und Einsamkeit, aber auch die Ängste Blaubarts glaubhaft zu machen. Nánási nimmt die Partitur eher nüchtern; er sieht sie dort, wo Bartók sich von seinem Vorbild Richard Strauss entfernt, eher ins Sachliche vordringen, nicht ins gesteigert Expressive.

Geschmackvoll-sahnige Zubereitung

Besseres lässt sich von „Gianni Schicchi“ leider nicht berichten. Der Schlager „O mio babbino caro“ lässt zwar keine Wünsche offen in Hinsicht auf geschmackvoll-sahnige Zubereitung, und Kim-Lillian Strebel als Lauretta singt ihn makellos. Doch sonst vermag Nánási aus der Musik keine Funken zu schlagen; auch stilistisch wird das Orchester der Komischen Oper nicht recht warm mit ihr. Tansel Akzeybek als Rino und Günter Papendell in der Titelrolle ragen stimmlich aus dem vielköpfigen Ensemble heraus – vielleicht nur, weil sie die längsten Partien haben.

Wie angedeutet ist Bieito zu dem Stück nicht viel eingefallen. Vor allem nicht, was daran interessant sein könnte: Buso Donati stirbt und vermacht sein Vermögen einer Bruderschaft. Die Freude der gierigen Verwandtschaft über sein Ableben bricht sofort zusammen, als man sein Testament liest – vor allem Rino und Lauretta sind unglücklich, weil sie das Geld für die Hochzeit gebraucht hätten. Daher legt sich Laurettas Vater Gianni Schicchi ins Bett und diktiert dem Notar als noch lebender Donati ein neues Testament.

Bieito scheitert bereits daran, diese Komödie solide als Komödie zu inszenieren, stattdessen muss das Publikum über frei erfundenen Flitterkram wie einen fehlplatzierten Neonsportdress, eine Gummisexpuppe und eine vollgeschissene Bettpfanne lachen. Was die Oper mit dieser Geschichte erzählen will, verrät uns Bieito ebenfalls nicht. Vom Publikum wurde der Regisseur mit ungetrübtem Bravo begrüßt.