Berlin„Zweieinhalb Stunden vollkommene Blödheit“ hatte Barrie Kosky vor der Premiere der „Großherzogin von Gerolstein“ am Sonnabendabend in der Komischen Oper angekündigt und nicht zu viel versprochen. Als gelte es, Operette auf Vorrat zu liefern, brettern Regisseur und Darsteller hemmungslos durch Offenbachs satirisches Stück. Wobei Kosky auch die Pausen nicht vergisst, die vor dem Eindruck einer sich verselbstständigenden Albernheits-Maschinerie bewahren. Dann ist minutenlang nichts zu hören als vögleinartiges Sürpfeln am Champagnerglas, im Chor vorgetragen von den sieben Darstellern und vier Tänzern dieser Produktion.

Oder die Großherzogin, hier mit Tom Erik Lie besetzt, hält gleichsam erstarrend mitten im Wort inne. Den Lockdown als Stillstand hat Kosky damit als ständige Drohung mit eingebaut. Dass dieser im realen Leben gleich nach der Premiere zurückkehren würde und sie auch zur vorläufigen Dernière machen würde, wird sich Kosky kaum gedacht haben, als er die „Großherzogin“ als große „Scheiß-auf-Corona-Inszenierung“ plante. Gemeint war das im Sinne einer Spaß-Offensive gegen den Ernst der Zeit. Denn natürlich sitzt im Orchestergraben nur ein ausgedünntes Ensemble, das den vorgeschriebenen Abstand halten kann.

Kuppelgroße Reifröcke, von Männern getragen

Geleitet wird dieses Orchester straff, aber nicht immer punktgenau von Alevtina Ioffe. Das klangliche Übergewicht der Bläser vermag sie nicht recht auszugleichen, über solche orchestralen Disbalancen wird auf der Bühne allerdings mit Schwung hinweggespielt. Dabei halten die Kostüme von Klaus Bruns auf Abstand. Kuppelgroße Reifröcke, Radius etwa eineinhalb Meter, charakterisieren die weibliche Garderobe, die, wie bei Kosky üblich, meist von Männern getragen wird. Ballonartig aufgeblasen, in verschärfter Hermann-Göring-Statur, tritt die Generalität auf, die der Großherzogin mit eigens angezettelten Kriegen die Langeweile vertreibt. Dem Platzbedürfnis wird das Bühnenbild geopfert, was der finanziellen Bilanz bestimmt nicht unzuträglich war und kaum auffällt: Jede Kostümerfindung ist ein wandelndes Requisit.

Aus der Sperrigkeit resultiert aber keine Bewegungsarmut: Die Generäle mit ihren Ballonleibern trippeln auf lächerlichste Weise herum und auch mit ausladenden Krinolinen lässt sich wild tanzen. Überhaupt gerät Kosky nie in Versuchung, das Stück ernster zu nehmen, als es ist. Eine Satire auf Militarismus und Kleinstaaterei – als solche machte die „Großherzogin“ schon bei der Uraufführung 1867 in Paris einen eher milden Eindruck. Fast sämtliche gekrönten Häupter Europas, die zur damaligen Weltausstellung angereist waren, nickten amüsiert und machten Hortense Schneider, der Offenbach die Titelrolle auf den Leib geschrieben hatte, ihre Aufwartungen.

Kosky kann für seinen Kessel Albernheiten auf großartige Darsteller aus dem Hausensemble zurückgreifen: zuvorderst der Bariton Tom Erik Lie, der die Großherzogin mit ironischer Grandezza spielt, gnadenvoll und süß-grausam, und so blasiert und zugewandt, wie es die ironische Brechung des Geschlechtertausches eben zulässt. Dass der gebürtige Norweger für die Sprechpassagen in seine Muttersprache wechselt (Til Faveyts als diensteifriger Baron Puck übernimmt die Übersetzung) steigert die groteske Anmutung des Abends noch. Jens Larsen gibt den General Bumm als militärischen Vollpfosten, und Ivan Turšić singt den Soldaten Fritz, der von der Großherzogin aus Verliebtheit zum General befördert wird, mit unschuldigem Tenor. Ein bisschen ernst wird es dann am Schluss, wenn die Großherzogin die resignative Moral der Geschichte kundtut: „Wenn wir nicht haben, was wir lieben, müssen wir lieben, was wir haben.“ In Koskys Inszenierung ist das durchaus als Kommentar auf die kommende Zeit zu verstehen.