Berlin - Es ist völlig in Ordnung, den „Freischütz“ unter Rednecks spielen zu lassen. Wer kann sich noch etwas unter einer Jagdgesellschaft vorstellen? Aber eine Rotte waffengeiler, frauenverachtender, biertrinkender, christlich-patriotischer Hinterwäldler in Steppwesten veranschaulicht die Welt, in der sich eine „Freischütz“-Geschichte heute abspielen könnte, in schlagender Weise. Soweit kann man Calixto Bieitos Inszenierung, die am Sonntag in der Komischen Oper vorgestellt wurde, folgen.

Es ist auch ein schöner Gedanke, in der Wolfsschlucht ein Brautpaar abzuschlachten und die erstochene Braut in die Mitte des magischen Kreises zu legen, um während der Geisterbeschwörung die Freikugeln aus ihrem Schoß zu holen. Was diese Wolfsschlucht-Szene in ihrer Zeit als Tabubruch bedeutet haben mag, lässt sich anhand dieser schockierenden Bilder im kahlen Herbstwald nacherleben. Die tote Braut erklärt zudem die Halluzinationen des jungen Jägers Max von seiner toten Mutter und seiner Braut Agathe beim Hinabsteigen in die Schlucht.

Es ist, drittens, völlig in Ordnung, mit dem Schluss dieser Oper ein Problem zu haben. Nachdem aufgeflogen ist, dass Max aus Angst, beim Probeschuss zu versagen, sich von Kaspar zum Guss der Freikugeln hat verführen lassen, kann die verfahrene Situation nur durch das Eingreifen eines Eremiten gerettet werden. Carl Maria von Weber und sein Librettist Friedrich Kind haben das düstere Ende ihrer Vorlage im „Gespensterbuch“ von Apel und Laun bewusst roh ins Happy End gedreht.

Der Schluss ist ein Stück Konvention, und Bieito weiß das anfangs auch in Szene zu setzen: Wenn die Vorwegnahme des Schlusses in der Ouvertüre ertönt, geht auf der Bühne das Licht an und man sieht den Chor, also die Gesellschaft, die solche Konventionen fordert. In der Schlussszene dagegen macht Bieito den Eremiten zum irren Outcast, der von den Rednecks für seine pathetischen Reden ausgelacht wird. Eine Idee von nervtötender Plattheit und theatralisch bedenklich schwach. Denn statt die Vorzeichen einfach ironisch umzudrehen, müsste hinter dem Schlusstableau mit prächtig gottesfürchtiger Moral die ursprüngliche Fatalität spürbar werden.

Lassen wir die Oper doch weg!

Und damit kommen wir zu dem, was überhaupt gar nicht in Ordnung ist an diesem „Freischütz“: Er ist unfertig, skizzenhaft, er gehört noch gar nicht an die Öffentlichkeit. Fragmentarisch wirkt das Ganze schon dadurch, dass Bieito die Sprechtexte zur Funktionsunfähigkeit zusammengestrichen hat. Zwischen Kaspars Trinklied und seiner „Schweig!“-Arie stehen hier nur die Worte: „Komm heute Nacht in die Wolfsschlucht!“, und Max antwortet: „Okay!“

Gestrichen sind Kaspars Überredungsversuche, Max’ Zögern, alles das, was die Personen charakterisiert und die Geschichte als Geflecht von Motivationen und Handlungen erzählt. Gut, man kann sagen: Kennt man doch, lassen wir das Gequatsche einfach weg. Aber dann kann man genau so gut sagen: Die Musik ist auch bekannt – lassen wir doch einfach die ganze Oper weg, schauen uns zehn Minuten das Bühnenbild an und gehen wieder nach Hause. Natürlich büßt so auch die Musik ihre Funktion im dramatischen Zusammenhang ein. Sie artikuliert die Gefühle von Menschen, die man nicht versteht.