Berlin - Seit seinem einhellig verrissenen Biogasanlagen-„Tannhäuser“ diesen Sommer in Bayreuth sind die Aktien des Regisseurs Sebastian Baumgarten rapide gefallen. Wer ihn bislang für einen interessanten und begabten Regisseur hielt, wollte sich vielleicht gegen Enttäuschung absichern und ist erst gar nicht zu seiner „Carmen“ in die Komische Oper gekommen. Dass der Auftritt des Regisseurs nach der Premiere am Sonntag ohne jedes „Buh“ über die Bühne ging, stattdessen über dem eher dünnen Applaus sogar noch das ein oder andere trotzige „Bravo“ zu vernehmen war, ist schwer zu erklären, wenn man nicht annimmt, dass hier neben der schweigenden Masse nur noch die Baumgarten-Fans im Publikum saßen. Oder sollte das Fehlen von Widerspruch auf Qualitäten der Inszenierung zurückzuführen sein?

Den stärksten Beifall erhielt die Flamencotänzerin. Eine hinzuerfundene Rolle ohne dramaturgische Funktion, aber sie hatte Wirkung, weil sie zwischen den Akten genau das tat, was eine Flamencotänzerin tun soll, nämlich Flamenco tanzen. Das ist heute ja nicht mehr selbstverständlich. Ein Regisseur wie Baumgarten tut nämlich nicht das, was er tun soll. Statt die Personen sinn- und wirkungsvoll miteinander interagieren zu lassen, macht er sich Gedanken. Zum Beispiel den, dass José nicht beim Militär ist, sondern beim nutzlosen Wachschutz einer pleitegegangenen Bank. Und Carmen gehört nicht zu einem Schmugglerring, sondern zu einer revolutionär-globalisierungskritischen Vereinigung. Damit das angemessen überdeutlich wird, kaspern sie und ihre Mitstreiter im dritten Akt mit den Skeletten von Marx und Lenin herum. Escamillo, der Torero, für den Carmen den José stehen lässt, ist der Mann mit dem Geldkoffer, der nach der gescheiterten Revolution seinem Mädchen noch ein gutes Leben bieten kann – während José zum Penner absteigt.

Tiefsinniger geht’s nicht

Was für eine tiefsinnige Neuakzentuierung dieser Geschichte von Männlichkeit, Weiblichkeit, Leidenschaft, Begehren, Liebe! Für so aktuell, für so radikal politisch hätten wir sie nicht gehalten! Theatralisch ein einziges Gelalle, aber: Bank, Marx, Abstieg! Einfach toll! Fehlt nur noch, dass der Stier als Börsenbulle in Erscheinung tritt! Woher kommt angesichts dieses tiefen Schürfens nur der Eindruck, dass Baumgarten zu den Themen Männlichkeit, Weiblichkeit, Leidenschaft, Begehren, Liebe nichts zu sagen hat? Immerhin lesen wir auf der ausgiebig bestrahlten Leinwand „Carmen = objet a“. Donnerwetter, da kennt aber einer seinen Lacan – und nun mal Schluss mit dem ironischen Gemaule –: Tiefsinniger geht’s doch nun wirklich nicht mehr!

Diese „Carmen“ ist ein Fall von Intellektualität ohne Intelligenz, einfacher gesagt: hochtrabendes Geschwätz. „Surreal“ nennt Baumgarten selbst seinen Ansatz; damit kann man bekanntlich alles erklären: Es geht nicht auf? Soll es ja auch nicht, ist ja surreal. Alles, was Baumgarten sagen will, aber mangels Anstrengung oder Fähigkeiten nicht inszenieren kann, packt er in Plakate, Videos und Aufschriften. Kaum etwas ist szenisch gesehen, kaum etwas erzielt szenische Wirkung, artistisch ist das Ganze höchst bescheiden, aber der moralische Zeigefinger weist in die korrekte Richtung.

Mit einem Bums! beginnt die Ouvertüre. Was sich Baumgarten laut Programmheft vorgenommen hat, bringt der Dirigent Yordan Kamdzhalov mit dem Orchester der Komischen Oper zum drastischen Vollzug: das Spiel mit Klischees. Seine „Carmen“-Interpretation ist knallig, trocken und in den Charakteren übertrieben, doch gerade dadurch nah an Bizets Absichten und dem trockenen, operettennahen Stil der opéra comique.

Der Beginn des zweiten Aktes steigert sich nach verhaltenem Beginn zu einer wüsten Orgie, deren harmonische Schnitte sich plötzlich mit brutalem Grauen aufladen. Im Quartett der Schmuggler hört man schon den spöttischen Witz von Kurt Weill. Die junge Naive, Micaëla im Gewand der heiligen Jungfrau, darf dosiert ihr Süßholz raspeln, José schmachtet mit Geschmack. Die Koordination mit dem ebenfalls fabelhaft textverständlich singenden Chor war nicht immer optimal, dennoch ist diese „Carmen“ musikalisch eine der prägnantesten Berliner Opernproduktionen der letzten Zeit, geistreich distanziert und dennoch mitreißend. (Interessanterweise gilt das für gar nicht wenige Produktionen gerade dieses Hauses, an dem doch eigentlich der Regisseur die Hauptrolle spielen soll.)

Erschwert wird das Spiel mit den Klischees allerdings durch die Besetzung der Titelpartie. Stella Doufexis ist eine wunderbare Mezzosopranistin im Barock- und Mozart-Fach und auch in der Moderne, und aus dem gesamten Ensemble dieser Produktion ragt sie durch den schlanken Fluss ihrer Stimme und ihre musikalische Präzision heraus, und auch in den Dialogszenen hat ihr Spiel Schärfe und Präsenz. Als Carmen allerdings ist sie nicht auf der Linie eines Klischees besetzt, von dem sie dann abweichen könnte, sondern gegen den Strich. Wann hat man die Habanera, Carmens Auftrittslied, je so genau und pikant gehört? Wenn das Sex hat, dann jedenfalls nicht den physisch-natürlichen, üppig-rundlichen „Carmen“-Klischee-Sex, sondern eher den technisch optimierten, der aus den Zuchtkammern der Fitnessstudios hervorgegangen und unser aller geheimes Ideal ist.

Figuren tot, Gedanken flau

In der ratlosen Selbstbezüglichkeit dieses Inszenierungslabyrinths ist das egal, denn wie wir uns erinnern ist die Sache „surreal“ und in erster Linie an Gedanken und nicht an Personen interessiert. Aber im Prinzip hat diese Umbesetzung ein interessantes Potenzial: Carmen ähnelt auf diese Weise dem Narziss Escamillo, den Günter Papendell mit prägnanten Ansätzen singt und spielt. Dass sie sich für einen nervösen Liebenden wie José interessiert, glaubt man dieser Carmen in keinem Moment; Timothy Richards singt ihn mit dunklem, aber erstaunlich steigerungsfähigem Tenor als eher konventionell passionierten Charakter. Dass man dieser Inszenierung nichts glaubt, ist, Marx hin, Lacan her, das eigentliche Problem dieser Produktion. Die Geschichte ist gelähmt, die Figuren sind tot, die Gedanken flau. Wäre da nicht die Musik, man würde die Komische Oper vor der Pause verlassen.

Carmen: 6., 12., 18. Dezember, Komische Oper, Karten: 47 99 74 00