Kommentar: Berlin macht Radfahrer gemein und hässlich

Berlin ist laut und die Straßen sind voll. Aber reicht das als Erklärung, dass die Radfahrer so aggressiv und übellaunig sind? Nicht nur, dass täglich Autofahrern die Rückspiegel abgetreten werden, auch Fußgänger werden psychisch und  physisch angegriffen. Selbst vor Seinesgleichen scheut der Radfahrer nicht zurück. Woher kommt diese Wut, dieser Hass? Da ich zufälligerweise selber Radfahrer bin, weiß ich es: Es liegt an den ebenerdigen Fahrradständern.

Das Problem ist folgendes: Der durchschnittliche ebenerdige Fahrradständer besteht aus vier bis sieben einzelnen Radhaltern, wobei man nur jeden zweiten benutzen kann, da das durchschnittliche Fahrrad ja nicht nur aus dem schmalen Vorderrad besteht, sondern auch aus einem etwas opulenteren Überbau, sprich dem Lenker.

Mit den Nebenrädern verwachsen

Da es grundsätzlich mehr Fahrräder zum Abstellen gibt, als Fahrradständer zur Verfügung stehen (Hinterhaushof, Kita, Schule, Bank, Büro), versuchen die Radfahrer trotzdem ihre Räder in die dafür vorgesehenen Halterungen zu pressen, wobei sich Lenker und Pedale ganz natürlich mit dem nachbarlichen Pendant verkeilen.

Der Radfahrer strebt nun sein Rad, wie von Versicherung gefordert und Polizei eingemahnt, vorschriftsmäßig am Ständer anzuschließen. Manchmal hat er Glück und auf der gegenüberliegenden Seite ist Platz zum Bücken und er kann das Schloss ohne Verletzungen anbringen. Doch spätestens wenn er von seiner Erledigung zurückkommt, muss er feststellen, dass sein Fahrrad mit den Nebenrädern verwachsen ist.

Was jetzt folgt, sieht von außen heiter aus, erklärt aber das oben genannte Phänomen, denn jetzt hat der Radfahrer ein Problem.

Wie ein Juwelendieb, der sich durch zahlreiche Laserstrahlen winden muss, biegt er sich vorsichtig durch die minimal größer erscheinende Lücke zwischen seinem und einem der Nachbarräder. Dabei bleibt er mit dem Riemen seiner Schultertasche entweder am Lenker oder am Pedal, je nachdem wie weit er bereits ins Dickicht der hervorstehenden Metallteile vorgedrungen ist, hängen. Der straff angezogene Riemen hindert ihn nachdrücklich am Vorwärtskommen und er muss vorerst unverrichteter Dinge wieder auftauchen. Dabei schrammt er erst mit Rücken, dann mit Kopf am nachbarlichen Lenker vorbei. Wilder Schmerz durchtobt ihn.

Kurz kämpft er mit der Ohnmacht, dann unternimmt er einen zweiten Versuch, hinunter, auf die plötzlich sehr weit entfernt scheinende Erde, zu kommen. Diesmal beugt er erst seinen Rücken und Kopf, um dann durch Überdehnung der Arme zu versuchen, das Schloss vom Ständer zu bekommen. Der neue Cityrucksack rutscht ihm dabei von hinten über den Kopf nach vorn und baumelt nun tonnenschwer vor seinem Gesicht. Das muss egal sein, denn hoch kommt er jetzt eh nicht mehr.

Durch den Rucksack seines Seh- und Gleichgewichtsinns beraubt, tastet er nach dem Schloss. Blind schließt er auf, mergelt es vom Ständer, würgt es durch die Speichen und verbiegt sie dabei.

Stirn leicht blutend, geprelltes Schienbein

Der Radfahrer lässt den Rucksack über die Arme zu Boden gleiten. Sterne vor den Augen, tritt er den Rückweg nach oben an. Bereits etwas verärgert, ist er nicht mehr ganz so vorsichtig, rammt geradezu durch die Metallwiderstände nach oben, stößt sich wieder an Armen, Rücken und Kopf und steht. Nicht so sein Rad. Es wirkt das zweite Newtonsche Gesetz: Die lächerlich schmale Halterung des Ständers kann dem Gewicht seines Rades plus dem Druck seines Körpers nicht stand halten und sein Rad fällt um. Mit diesem auch die vier Räder daneben. Das Pedal seines Rads schrammt ihm dabei das Schienbein auf, der Lenker fährt ihm in die Magengrube.

Jetzt kommt der Radfahrer langsam so drauf, wie wir ihn kennen. Unter dem Druck der Öffentlichkeit stellt er die Räder wieder auf, nicht ohne sich weitere Verletzungen beizufügen. Schließlich ist das Werk vollbracht.

Der Radfahrer blutet leicht an Stirn und Arm, das Schienbein ist geprellt. Der schöne neue Rucksack hat einen Riss, Hemd und Hose weisen Ölflecken auf, die nicht mehr rausgehen. Jetzt steigt der Radfahrer auf sein Rad. Er ist ganz merkwürdig still, aber Berlin ist laut und die Straßen sind voll.