Je länger die Corona-Pandemie andauert, desto schwerer scheint es, die tatsächlichen Folgen der wirtschaftlichen und sozialen Krise zu bewerten. Die Ankündigungen über staatliche Hilfen unterliegen dabei ebenso Abnutzungserscheinungen wie die immer dramatischer werdenden Berichte über individuelle Notlagen. So üppig die staatlichen Unterstützungen auch ausfallen mögen, zeichnet sich doch immer deutlicher ab, dass viele, die sich eben noch zu den gesellschaftlichen Leistungsträgern zählten, als Verlierer aus der Corona-Krise herausgehen werden.

An Appellen und Vorschlägen zur Vermeidung des Schlimmsten mangelt es nicht, und die gut gemeinte Idee des Sängers Herbert Grönemeyer, gegen einen drohenden kulturellen Kahlschlag insbesondere die Vermögenden in Anspruch zu nehmen, verfehlte denn auch nicht ihre Wirkung. In Deutschland, so rechnet Grönemeyer in der Tonlage eines Stadion-Rockers vor, leben ca. 1,8 Millionen Millionäre, und eine Gesellschaft, schlussfolgerte er in die applaudierende Öffentlichkeit, sei doch wie eine Familie.

Nun weiß man, dass gerade in Familien erbitterte Erbstreitigkeiten ausbrechen können. Privates Engagement ist willkommen, sollte aber nicht als kulturpolitische Lösung in Betracht gezogen werden. Insbesondere in Krisenzeiten sollte es als Errungenschaft gelten, dass Deutschland über eine vielfältige und auch zahlungskräftige Kulturförderung verfügt und nicht ausschließlich auf private Spenden angewiesen ist. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) liegt sicher nicht falsch, Herbert Grönemeyers Intervention als vorbildliche Einzelinitiative zu begrüßen. Politisch betrachtet aber käme es darauf an, dem aktuellen Dilemma mit wirksamen Strukturmaßnahmen zu begegnen. Nichts wäre fataler als die Kompensation kultureller Verluste durch eine Neiddebatte.