Corona-Debatte: Schaffen wir es, offen miteinander zu reden?

Es wird Zeit, über die gesellschaftliche Spaltung während der Corona-Hochphase zu debattieren. Und die Berliner Zeitung soll der Ort dafür sein. Ein Kommentar.

Berlin: Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen am Brandenburger Tor.
Berlin: Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen am Brandenburger Tor.OSTKREUZ/Sebastian Wells

Dieser Text ist Teil der Serie „Corona-Debatte“. Alle Texte dazu finden Sie unter: https://www.berliner-zeitung.de/topics/corona-debatte

Unser Kolumnist Dr. Michael Andrick hat mit seinem Text „War dies möglich, so ist alles möglich“ (Berliner Zeitung vom 14. November) den Finger in eine der offenen Wunden unserer Gesellschaft gelegt. Die beim Autor eingehenden Reaktionen und die lang andauernde Diskussion in den sozialen Medien sagen mir: Wir sind gesamtgesellschaftlich wieder dabei, eine sträfliche Verdrängungsleistung zu versuchen.

Wir erlebten Polarisierung, die Spaltung der Gesellschaft im Zuge einer Regierungspolitik, die im Namen des Gesundheitsschutzes Grundrechte einschränkte. Die tief in den Alltag eindrang, dies mitunter immer noch tut. Diese Politik bot Stoff für Streitigkeiten und Entfremdungen, die wohl jeder aus seinem persönlichen Umfeld kennt. Auch aus einer vergleichenden internationalen Perspektive bot die deutsche Politik oft genug Anlass für Unverständnis.

In großen Medien oft zu beobachtende Debattenverengung

Daher sollte jetzt miteinander geredet werden – ohne Themenverbote, ohne Denkverbote. Alle im Geist des Grundgesetzes begründeten Meinungen und politischen Vorschläge sollten gehört werden. Andernfalls verstricken wir uns weiter in ein Netz aus Beschämung, latenter Aggression und Schuldgefühlen.

Abgesehen davon, dass der Austausch in einem breiten Meinungsspektrum eine grundgesetzliche Selbstverständlichkeit sein sollte, droht die weitere, insbesondere in großen Medien oft zu beobachtende Debattenverengung das Gemeinwesen und unser Privatleben strukturell zu deformieren.

Andersdenkende sollte man nicht diskreditieren

Die Diktatur des Proletariats habe ich erlebt – mit gleichgerichteter Presse und Vereinnahmung öffentlicher Stellen durch Personen, die den „Führungsanspruch der SED“ vertraten. Ich weiß aus Erfahrung, wie sich eine Atmosphäre doppelter Standards, des Verschweigens, des Nicht-wissen-Dürfens und vor allem des Nicht-sagen-Dürfens anfühlt. Ich empfinde es mittlerweile als Privileg, durch diese Erfahrungen sensibilisiert zu sein; so fällt es mir leicht, Mechanismen der Konformierung zu erkennen, denen sich viele aus Sorgen um ihre berufliche Stellung oder aus Angst, aus der Menge herauszufallen, beugen.

Der Chefredakteur der Berliner Zeitung, Dr. Tomasz Kurianowicz, erkannte die Chance, mit einer Erwiderung auf Andricks scharf und aufrüttelnd formulierte Kolumne in milderer Sprache und mit einer ehrlichen Wertschätzung für manche Aspekte der Pandemiepolitik zu antworten. Damit eröffneten Andrick und Kurianowicz eine Debatte, wie sie diesem Land guttun wird: Respektvoll, an Inhalten und Argumenten orientiert, offen dafür, die Erfahrungen anderer zu ergründen und Anteil zu nehmen. Wir streiten in dem Geist, das Leben der Anderen zu sehen, zu respektieren und nicht zu diskreditieren.

Aus Streit kann man lernen

Während Andrick zunehmend einen „korrupten Parteienkartellstaat“ am Werk sieht, vor dessen Willkür bis hin zum rechtswidrigen Eingriff in seinen Körper der Bürger nicht mehr geschützt sei, erwidert Kurianowicz, er sei für die am Schutz vulnerabler Gruppen orientierte Politik der letzten Jahre dankbar. Und er schreibt stellvertretend für viele Bürger, dass zwischen ihm und Andrick ein so großer Unterschied des „Realitätsbewusstseins“ entstanden sei, dass die Verständigung schwierig werde.

Beide Autoren sind kultivierte, engagierte Bürger des Landes. Sie wurden mit ihren wissenschaftlichen Ergebnissen promoviert, folgen ihren beruflichen Interessen mit Leidenschaft und sind schon lange publizistisch präsent. Wenn auf diesem intellektuellen Niveau gestritten wird, können wir alle lernen.

Die Zivilgesellschaft soll weiterentwickelt werden

Daher sollten wir den Austausch institutionalisieren und nun (in den Worten Kurianowiczs) „gemeinsam überlegen, was wir an unseren gesellschaftlichen Institutionen verändern können, damit die leidvolle Spaltung und Entfremdung der letzten Jahre heilen kann und sich nicht wiederholt“.

Die Berliner Zeitung will das Forum für diese dringend nötige Debatte sein. Wenn Sie die Beiträge der kommenden Monate verfolgen und sicherlich einmal begeistert, einmal befremdet, mitunter angeregt und manches Mal auch verunsichert sind, haben die Autoren und wir vieles richtig gemacht.

Den Anfang machte Andrick, Kurianowicz erwiderte auf ihn, und die Rechtsanwältin Jessica Hamed, bekannt aus Veröffentlichungen beispielsweise in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und dem Cicero, soll die Debattenreihe fortführen (mehr in den nächsten Tagen auf www.berliner-zeitung.de). Vielleicht schaffen wir es, selbstbewusst, aber auch ergebnisorientiert zu diskutieren – und damit die Zivilgesellschaft ein Stück weiterzuentwickeln.

Holger Friedrich ist Verleger der Berliner Zeitung.

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