Ein Berliner  Kaufmann geriet 1932 in Verdacht, sein Vermögen rechtswidrig ins Ausland transferiert zu haben. Ein Jahr zuvor war in Deutschland die Reichsfluchtsteuer eingeführt worden, um die Kapitalflucht einzudämmen. Der Steuersatz betrug 25 Prozent, die Zahlung war fällig bei Aufgabe des inländischen Wohnsitzes, sofern das Vermögen 200.000 Reichsmark überstieg.

1932 wurden mehrere Fälle der Steuerflucht bekannt, über manche wurde berichtet, über andere nicht. Sehr ausführlich aber wurde der Fall des Kaufmanns Kurt von Kleefeld verhandelt, genauer: der  Fall des „jüdischen Kaufmanns“ Kurt von Kleefeld, der nicht nur nach Ansicht der eindeutig antisemitischen Presse mit seinem Verhalten ein  Beispiel des berüchtigten „Erwerbssinns seiner Stammesgenossen“ geliefert habe. Kleefeld ist als Steuerhinterzieher nie angeklagt, aber als Jude in den Zeitungen ein Jahr vor der Machtergreifung der Nazis unwiderruflich verurteilt worden.

Ob einer Steuern hinterzieht, sich unerlaubt vom Unfallort entfernt oder eine Frau vergewaltigt, hat in aller Regel nichts mit seinem Glauben oder seiner Herkunft zu tun – weshalb der Hinweis darauf in der Berichterstattung über eine Straftat zumeist nur Ressentiments bedient. Das ist keine Vermutung, das ist auch nicht nur verbürgte historische Erfahrung; es genügt ein Blick auf die Transparente ausländerfeindlicher Demonstrationen oder in rassistische Leserbriefe an Zeitungsredaktionen, um zu erkennen, dass Verbrechen auf einschlägige Ressentiments vitalisierend wirken.

Regelungen im Pressekodex (Ziffer  12.1) des Presserats

Deshalb bestimmt der Pressekodex (Ziffer 12.1) des Presserats: „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.“

Die Sächsische Zeitung hat entschieden, sich an die Richtlinie nicht länger zu halten, vielmehr wird sie jetzt stets die Nationalität von Straftätern und Verdächtigen nennen, nicht mehr nur ausnahmsweise. Jeder vierte Abonnent, hieß es zur Begründung, glaube, „Medien würden in ihrer Berichterstattung die Herkunft ausländischer Straftäter aus Rücksicht auf diese verschweigen“.

Die anderen drei Viertel wissen jetzt, dass Seriosität und Integrität in Dresden nichts mehr zu suchen haben, wenn ein Teil des Publikums nach Ressentiments verlangt. Journalismus war gestern, Dresden ist heute.