In seinem Erstlingswerk „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ von 1906 beschreibt Robert Musil das Gewaltverhältnis zwischen Jugendlichen in einem österreichischem Internat während der K.u.k.-Zeit. Die Schüler Törleß, Reiting und Beineberg beobachten ihren Mitschüler Basini bei einem Diebstahl und nutzen dieses Wissen später jeder auf seine Weise, um Macht über Basini auszuüben.

Aber während dieser von Reiting und Beineberg vor allem physische Qualen zu erleiden hat, gerät er zu Törleß in ein psychisches Abhängigkeitsverhältnis und beginnt, sich der ins Masochistische tendierenden Opferrolle zu fügen. Musils Roman handelt von jugendlicher Individuation und erzählt von der subtilen Komplexität menschlicher Beziehungen, die sich nicht in einfachen Herr-Knecht-Unterscheidungen erschöpfen.

Zollpolitik als Notwehr

Betrachtet man die gegenwärtige politische Weltlage im Kontext einer Täter-Opferpsychologie, dann sticht im Vergleich zu dem literarischen Beispiel deren Banalisierung und Brutalisierung ins Auge. So ist es dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump zuletzt beinahe mühelos gelungen, die wirtschaftlichen Aktivitäten seines Landes als willfährige Beute anderer ökonomischer Interessen darzustellen. Die anderen sind unfair, und eine protektionistische Zollpolitik sei demnach vor allem eine Art Notwehr.

Das Erstaunliche daran ist, dass eine derart weinerliche Form der nationalen Selbstbeschreibung dem Präsidenten keinesfalls als Schwäche ausgelegt worden ist. Die Selbstbezichtigung als Opfer rücksichtloser Interessen anderer hat Konjunktur und lässt sich scheinbar bedingungslos für vielfältige Machtstrategien einsetzen.

Unerbittliche Härte gegen enorme Empfindlichkeit

So betreibt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan weitgehend unbehelligt eine kriegerische Verdrängungspolitik gegen die ethnische Minderheit der Kurden, gefällt sich gegenüber der EU und anderen Partnern aber in der Rolle desjenigen, der Herabwürdigung und Geringschätzung zu erdulden hatte.

Die unerbittliche Härte, mit der Erdogan seine politischen Gegner verfolgt, steht in einem erstaunlichen Widerspruch zu der enormen Empfindlichkeit, mit der er selbst ausländische Satiriker zumindest juristisch zu belangen trachtet.

Schwäche ist die neue Stärke

Der Körper des Königs ist verwundbar, und er will es sein, um daraus noch mehr Ansehen und Legitimation zu beziehen. Dahinter verbirgt sich eine groteske Verkehrung des Prinzips von den zwei Körpern des Königs, die der Historiker Ernst Kantorowicz als Antriebsquelle für die Entstehung des modernen Staates ausgemacht hatte.

Kantorowicz hatte in seiner berühmten Studie zur politischen Theologie des Mittelalters dargelegt, wie sich neben der Vorstellung vom sterblichen menschlichen Körper die Idee eines Amtsverständnisses etabliert, das mit dem Tod des Regenten als Institution nicht einfach endet und so zur Stabilisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse beiträgt.

Wladimir Putin

Der Gedanke stieß natürlich seit jeher an seine Grenzen, wo Diktatoren und Despoten die bestehenden Machtverhältnisse usurpierten. Historisch einzigartig scheint die gegenwärtige Situation aber insbesondere dadurch zu sein, dass die Gefährdung der institutionellen Ordnung durch eine ganze Reihe von freien Wahlen hervorgerufen wurde.

Aber während Erdogan und Trump in ihrer Version eines regressiven Amtsverständnisses als Wiedergänger des römischen Kaisers Caligula erscheinen, der aus Irrwitz – oder, wie einige Historiker glauben, aus bösartigem Witz – sein Pferd zum Senator ernannte, hat sich der russische Präsident Wladimir Putin einen undurchdringlichen Machtpanzer aus persönlichen und nationalen Kränkungen zugelegt.

Die Verkommenheit der westlichen Demokratien

Wladimir Putin ist ein versierter Techniker der Macht, der im Fall der zu einer internationalen Krise angewachsenen Giftanschläge von Großbritannien sich allein dadurch in die ihm offerierte Opferrolle fügt, dass ihm und seinen Geheimdiensten eine Täterschaft bislang nicht nachgewiesen werden konnte.

So erleben wir dieser Tage das seltsame Schauspiel, dass insbesondere eine zerrüttete europäische Politik gleich im Dutzend die Gelegenheit für Putin liefert, sich als großer Staatslenker zu präsentieren und die Verkommenheit der westlichen Demokratien und Werte vorzuführen.

Opfer-sein ist gesellschaftspolitischer Faktor

Die bereitwillige Einnahme der Opferrolle ist kein Privileg politischer Führung. Protestbewegungen haben seit jeher ihre soziale Schwäche markiert, um daraus den Anspruch abzuleiten, als politische Stimme wahrgenommen zu werden. Auf eindrucksvolle Weise ist das zuletzt der #MeToo-Bewegung gelungen, durch die nach spektakulären Enthüllungen auf eine oft im Verborgenen stattfindende sexuelle Gewalt hingewiesen wurde.

Das massenhaft artikulierte Bekenntnis, Opfer geworden zu sein, ist so zu einem nicht länger zu übersehenden gesellschaftspolitischen Faktor geworden.

Rhetorik der Wehrlosigkeit

Nach einem halben Jahr intensiver Diskussionen und der Entdeckung immer neuer Fälle war es wohl aber auch einmal Zeit für einen Perspektivwechsel. In der Wochenzeitung Die Zeit jedenfalls hat sich Jens Jessen zu einem stilistisch fein ausgearbeiteten Wutausbruch hinreißen lassen, in dem er den Mann als beschämtes und bedrohtes Gattungswesen beschreibt. Ein Opfer, natürlich auch er.

Die Deutschen als Opfer darzustellen ist schließlich auch das Kernanliegen der auf dem Weg in eine konservative Revolution befindlichen rechtspopulistischen Strömungen. Illegale Masseneinwanderung und schrankenlose Migration hießen zuletzt die Schlagworte der „Erklärung 2018“, deren Autoren dabei auf eine Rhetorik der Wehrlosigkeit setzten. Grenzen werden „überrannt“ und die gemeinschaftlichen Einrichtungen „geflutet“.

Aufmerksamkeit für Opferpolitik schärfen

Mit großer Geste wird eine Situation der sozialen Überforderung heraufbeschworen, und es ist nicht länger zu übersehen, welche gesellschaftspolitische Verwirrung das ausgelöst hat.

Die symbolische Kraft der bereitwilligen Einnahme der Opferrolle ist beachtlich, und es ist angebracht, die Aufmerksamkeit für eine Opferpolitik zu schärfen, die die Position der Schwäche als attraktive Spielmarke einzusetzen weiß. Politik im emphatischen wie praktischen Sinn hätte indes auf die Überwindung des Opfers zu zielen. Das ist nicht zuletzt die christliche Botschaft, die die selbst ernannten Retter des christlichen Abendlandes eher nicht im Sinn haben.