Am Kaffeetisch im Garten in Brandenburg, fast Polen, erzähle ich davon, dass ich auf einer Konferenz über abgehängte Orte im Osten sprechen soll. Um den Tisch sitzen: ein Baggerfahrer, eine arbeitslose Melkerin, eine Rentnerin und ein Teenager. Sie schauen mich verwundert an. Sie leben in ihrem Dorf in Brandenburg, fast Polen, in dem es keinen Konsum, keine Post und keinen Bahnhof mehr gibt. Wölfe, ja, die gibt es.

Welche Ideen hat Robert Habeck für den Osten?

Und ich, die Berlinerin, sollte die Expertin für abgehängte Orte sein? Ich war damals auf den Schienen, die später überwuchert und dann herausgerissen werden sollten, in der ersten Klasse von der Schule nach Hause gefahren. Mit anderen Kindern, manchmal auch allein.

Die Konferenz findet ein paar Tage später bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin-Mitte statt, es sind einige Hundert Menschen gekommen. Auf dem Podium neben mir sitzen Robert Habeck, der Co-Grünen-Chef, und die Schriftstellerin Daniela Dröscher. Daniela Dröscher sagt, dass sie als Studentin behauptet habe, sie käme aus München, weil sie sich so schämte, aus einem Dorf in der Oberpfalz zu kommen. Ich hatte als Studentin in den 90er-Jahren manchmal erzählt, ich käme aus Bremen, weil ich wusste, dann würde mich keiner nach dem Osten fragen, nach Stasi, Bananen, Trabis. Nach dem Land, das einmal mein Alltag war, das sich aber auf einen Schlag zu einem Kuriositätenkabinett gewandelt hatte. Bremen wirkte harmlos, langweilig, normal.

Robert Habeck ist im Moment der Lieblingspolitiker vieler Menschen, vielleicht, weil er so wenig wie ein Profi-Politiker rüberkommt, sondern eher wie ein Lehrer oder Hochschulprofessor, bei dem man früher auch gerne gelernt hätte. Manche sehen in ihm schon den nächsten Bundeskanzler. Welche Ideen hat er wohl für den Osten? Abgehängte Orte gebe es nicht nur im Osten, sagt er, sondern auch in Schleswig-Holstein, dort kommt er her, dort war er einmal Minister. In Schleswig-Holstein habe man Supermarktketten Grundstücke in kleinen Orten günstig überlassen und im Gegenzug gefordert, dass in den neuen Filialen auch ein Café oder eine Post mit drin sein müsste. Eine nette Idee. Aber was kommt nach dem Einkauf?

Robert Habeck will nach vorne schauen - doch geht das, ohne die Vergangenheit zu beachten?

Würde man so im Osten Vertrauen in die Politik gewinnen? Gehen die Wunden nicht tiefer, nach all den Zerstörungen und Hoffnungen, die der Osten – anders als der Westen – nach 1945 erleben musste? Gibt es überhaupt ein gesamtdeutsches Bewusstsein für das Anderssein der Geschichte, bis in die 90er-Jahre hinein? Ist es das Gleiche, ob man aus der Oberpfalz oder aus Brandenburg, fast Polen kommt?

Der Grünen-Politiker Robert Habeck will darüber nicht reden. Jedenfalls nicht an jenem Abend. „Wir brauchen keine Traumatherapie, wir brauchen keinen nostalgischen Blick zurück, müssen gemeinsam nach vorn schauen“, sagt er. Muss man nicht, bevor man einen neuen Weg beschreitet, verstehen, was an dem alten falsch war? Wo ist vorn? Bevor ich etwas sagen konnte, widersprach eine Frau aus der ersten Reihe dem Grünenchef. Nach der Konferenz entschuldigt Habeck sich bei mir, er habe das alles anders gemeint. Wie, bleibt unklar.

In der Straßenbahn nach Hause entsperre ich das Handy und scrolle mich durch die Überschriften. „Ignoriert den Osten“, steht bei Zeit Online. Ich schieße die Augen. Ich bin sehr, sehr müde.