Kommentar zum Unwort des Jahres 2014: Es lebe die „Lügenpresse“!

Lange Zeit stand „Lügenpresse“ auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Wörter. Ein Begriff ist es noch nie gewesen. Das hätte einen bestimmten Bedeutungsinhalt vorausgesetzt, aber daran hat es naturgemäß schon immer gefehlt. Um so erfolgreicher verlief seit Beginn des 20. Jahrhunderts seine Karriere als semantischer Sack, als Totschlagwort im Rassen- und Klassenkampf, spätestens nachdem im Jahr 1914 „Der Lügenfeldzug unserer Feinde:

Die Lügenpresse“ mit einer „Gegenüberstellung deutscher, englischer, französischer und russischer Nachrichten“ von Reinhold Anton erschienen war, offensichtlich ein lukratives Projekt, denn schon zwei Jahr später warf der Autor den zweiten Band auf den Markt: „Die Lügenpresse: Der Lügenfeldzug unserer Feinde: Noch eine Gegenüberstellung deutscher und feindlicher Nachrichten“.

Eine später nie wieder erreichte Popularität erlangte in den 1930er Jahren die „Lügenpresse“ dank des intensiven Umgangs, den Joseph Goebbels mit ihr pflegte. Seine Hingabe galt sowohl dem Wort („Ungehemmter denn je führt die rote Lügenpresse ihren Verleumdungsfeldzug durch …“) als auch den vom NS-Propagandaminister als Lügner erkannten marxistischen, jüdischen, sozialdemokratischen und liberalen Journalisten, die in Konzentrationslagern verschwanden, sofern sie sich nicht rechtzeitig zur Wahrheit des NS-Staats bekannten. Danach war es mit der Popularität der „Lügenpresse“ in Deutschland für lange Zeit vorbei.

Zwar gelang es der Staatsführung der DDR, durch gelegentliche, eher gelangweilte Angriffe auf die „kapitalistische Lügenpresse“ das Wort vor dem Aussterben zu bewahren, doch schien sein Ende mit dem Untergang der zweiten deutschen Diktatur im 20. Jahrhundert unausweichlich gekommen. So recht überzeugend waren die Reanimationsversuche der DDR ohnehin nicht gewesen. „Lügenpresse“ war für die meisten Deutschen von Anfang an ein anderes Wort für „marxistisch“, „jüdisch“, „ausländisch“, „vaterlandslos“ und irgendwie „undeutsch“, also für die Propagandaabteilung des Arbeiter-und Bauernstaates ein eher untaugliches Instrument.

Darum ist es kein Zufall, sondern entspricht der Tradition seiner Verwendung, dass das Wort in Dresden als Totschlag-Wort der deutsch-nationalen Pegida-Demonstranten wieder aufgetaucht ist. Von seiner kompletten Sinnfreiheit hat es in seiner hundertjährigen Geschichte nichts eingebüßt und damit auch nichts von seiner Attraktivität für die Bewohner des geistigen Unterholzes. Als Wort wünschen wir der „Lügenpresse“ das baldige Ableben, aber als „Unwort des Jahres 2014“ – zu dem es jetzt ausgerufen wurde – möge es Bestand haben.