"Jetzt sind die besten Opernarchitekten der Welt zu Recht stinksauer – hoffentlich nicht auf Braunfels, sondern auf den eigentlichen Verursacher der Misere, die Senatsbauverwaltung".
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BerlinSanierung, Umbau und Erweiterung der Komischen Oper sollen „höchstens 200 Millionen Euro“ kosten, lasen wir. Woher die Zahl kommt? Letztlich aus dem Off der politischen Entscheider im Abgeordnetenhaus und in der Kulturverwaltung. „200 Millionen“, das soll offenkundig vor allem beweisen, dass die Komische Oper im Berliner Opernleben nicht diskriminiert wird. Deswegen wird ihr das gleiche Geld zugesichert, das der Bund dem Land Berlin für die Sanierung, den Umbau und die Erweiterung der Staatsoper Unter den Linden spendete – woraufhin diese ihre Ansprüche kräftig steigerte, die Bauverwaltung den Umbau miserabel vorbereitete und kontrollierte, so dass das ganze Projekt schließlich mit mehr als 400 Millionen zu Buche schlug.

Neues Spiel, neues Glück. Sehen wir einmal ab davon, dass sich das einzige Grundstück, auf dem die Komische Oper erweitert werden kann, gar nicht mehr im Besitz des Landes Berlin befindet, sondern im Jahr 2000 für 14,6 Millionen Euro verkauft wurde. Nun muss es voraussichtlich für sehr, sehr viel mehr Geld zurück gekauft werden. Ignorieren wir hier einmal, dass das Land Berlin gerade den internationalen Architekturwettbewerb skandalös gegen die Wand gefahren hat, denn der Münchner Architekt Stefan Braunfels überzeugte die Vergabekammer, dass die Liste der zum Wettbewerb Eingeladenen massiv zu seinen Ungunsten manipuliert worden war.

Die besten Opernarchitekten der Welt sind stinksauer

Braunfels ist zwar Architekt der vorzüglichen Pinakothek der Moderne in München und der hervorragenden Bundestagsbauten in Berlin. Aber er gilt in den Verwaltungen als „Querulant“, weil er etwa beim Kulturforum immer wieder darauf hinweist, dass die „Scheune“ gar nicht nötig sei für die Bedürfnisse der Museen, weil er eisern für seine Rechte klagt – und dann auch noch regelmäßig gewinnt. Jetzt sind die besten Opernarchitekten der Welt zu Recht stinksauer – hoffentlich nicht auf Braunfels, sondern auf den eigentlichen Verursacher der Misere, die Senatsbauverwaltung.

Viel schlimmer aber ist, dass nun genau wie bei der Staatsoper auch jetzt wieder mit völlig fiktiven Baukosten jongliert wird. Wir wissen nicht, in welchem Zustand sich die Substanz der Komischen Oper befindet. Es gibt die Raumforderungen, aber keinen Entwurf und schon gar keine Bauplanung. Die 200 Millionen-Kalkulation ist also eine rein politische. Genau so begann das Desaster Staatsoper auch.

Allerdings verlangen das Publikum, die Parlamente, die Verwaltungen und die Rechnungshöfe nach solchen Zahlen, seien sie auch noch so fiktiv. Sie bedeuten:„Wir haben alles im Griff“. Und genau deswegen sollten Baukostenzahlen so lange, bis es wirklich eine genaue Kalkulation geben kann, nur als Schätzung bezeichnet werden. Politiker sollten auch nicht kühn Begriffe wie „Schmerzgrenze“ verwenden – wie etwa Kulturstaatsministerin Monika Grütters zu den immensen 364,2 Millionen Euro, die das Museum der Moderne auf dem Kulturforum angeblich nur kosten darf. Oder von Höchstsummen reden wie jetzt im Opernfall.

Es braucht Mut, radikal neu zu planen

Diese Worte sind hohl bis zum Baubeginn und sie gelten gar nichts mehr, wenn im Bauprozess Unvorhergesehenes geschieht. Es sei denn, der Staat, also wir, entschlösse sich, eisenhart die Kosten zu deckeln. Dann müsste aber auch Geld und die Zeit für genaue Voruntersuchungen zur Verfügung gestellt werden. Dann muss eine genaue Planung möglich sein, die Auswahl von Bauunternehmen nach Qualität, nicht nach Preis. Und wenn sich trotzdem zeigt, dass die Kosten nicht einzuhalten sind, müsste die Gesellschaft, die Politik bereit sein, das Projekt radikal neu zu planen.

Wir müssten lernen, den Planungsprozess als andauernden Lernprozess zu betrachten, aus dem hervorgehen kann: So geht es nicht. Doch gegen eine solche Lernfähigkeit stehen das gesamte Honorarrecht der Architekten, der Ergebnisdruck der Öffentlichkeit, Rechnungshöfe, die Umplanungen als Geldverschwendung geißeln, der Ehrgeiz von Politikern, ihren Wählern etwas vorweisen zu können, und Wähler, die mit fiktiven Zahlen betrogen sein wollen, um Projekte nicht kritisch überprüfen zu müssen.