Derart konsterniert und provoziert hat hier, in Berlin mit dem legeren „Kunst darf alles“-Understatement, seit langem keine Ausstellung. Beim „Märtyrermuseum“ im Kunstraum Kreuzberg (bis 6.12., tgl. 12–20 Uhr) aber sind Erregung und der Vorwurf der politischen Unkorrektheit vorprogrammiert.

Der Diskurs ist gewollt. Möglichst sachlich. Die Schau stellt Fragen zu einem verhängnisvollen Thema: Was ist ein Märtyrer? Wo beginnt die Selbstopferung und wo der Terror gegen Andersdenkende? Wie aber ist darauf die Sicht in der abendländischen und in der islamischen Welt?

Für uns ist klar: Es gibt gute Märtyrer. Das waren große mutige Geister aller Zeiten, Heilige, wie die frühchristliche Jungfrau Apollonia von Alexandria, Schutzpatronin der Zahnmedizin. Sie wurde im Ägypten wegen ihrer Heilpraktiken auf dem Scheiterhaufen verbrannt, wie auch der Astronom Giordano Bruno, weil er die Erde zur Kugel erklärte.

Menschen aller Erdteile, die sich für eine bessere Welt opferten

Wir schauen auf den antiken Philosophen Sokrates, der als „Verderber der Jugend“ den Schierlingsbecher leeren musste, auf Jeanne d’ Arc und auf die ermordete linke Vordenkerin Rosa Luxemburg, ebenso auf den US-Bürgerrechtler Martin Luther King. Und auf Menschen aller Erdteile, die sich opferten für eine bessere Welt.

Dazwischen aber hängen die Abbilder von Selbstmord-Attentätern, die dem Hass und dem Bösen dienten, aus fanatischer fundamentalistischer Gesinnung der Gotteskrieger: Mohammed Atta, einer der von Islamisten „geheiligten“ Terroristen von New York, 11. 9. 2001. Und da sind Köpfe der Attentäter von Paris und Brüssel.

Die Provokation ist gekoppelt mit der nachdrücklichen Aufforderung ans mündige Publikum, zu differenzieren. Es geht um die Frage: Warum und Wieso?

Der Atem stockt

Aber erst mal stockt einem der Atem in der Bethanien-Säulen-Kapelle, in einem 20 Quadratmeter-„Andachtsraum“ mit ultramarin-blauer Stoffbespannung. An zwei Wänden vis à vis beleuchtete Bilder- und Reliquien, arrangiert in der Art von Schiebegräbern, wie es sie auf romanischen, auch arabischen Friedhöfen gibt. Darunter Hocker mit Kopfhörern. Das dänische Kollektiv The Other Eye of the Tiger errichtete schon in Kopenhagen ein – dort auch umstrittenes – „Märtyrermuseum“.

Nun tourt man durch Europa, zuerst Berlin. Die Inszenierung ist still, zugleich aber derart krass und herausfordernd, dass mir der eigene Standpunkt als Abendländerin auf das Deutlichste bewusst wird.