Die Pop-Musik-Frage ist: Was ist das da für ein Typ? Was sind das für Leute? Was wollen die? – mit diesen Motiven aus Diedrich Diederichsens „Über Pop-Musik“ eröffnete die Moderatorin Anja Backhaus am vergangenen Mittwoch das Kölner Popfestival c/o pop. In seiner Grundsätzlichkeit erinnert das an die Aufklärungsfilme der Sechzigerjahre. Aber tatsächlich bestimmen diese Fragen nicht nur die innere Verfasstheit der Pop-Musik und ihrer Fans, sondern auch das Verhältnis zur offiziösen Sphäre aus Politik und Wirtschaft: Wie integriert man diese unbekannten Wesen gewinnbringend in die Gesellschaft? Beide Seiten bildeten die Schwerpunkte des diesjährigen Kongressteils der Veranstaltung.

Musikalisch nehmen sich die Kongressfestivals der Herbstsaison c/o pop, Berlin Music Week (3. bis 7. September) und Hamburger Reeperbahn-Festival (17. bis 20. September) nicht viel. Man orientiert sich an den Terminen der Headliner. So sang die zur Souldame gereifte Kelis am Tag nach ihrem Kölner Auftritt in Berlin. Und die in Köln sehr überzeugenden Indierock-Damen Warpaint oder die Dubstepper Mount Kimbie sind auch beim Berlin Festival erleben. Aber diskursiv hat Köln – vom Fachblatt Musikwoche als wichtigster Branchenevent ermittelt – die Nase vorn.

Einbindung von Popmusik in die Werbekampagnen großer Marken

So ging es einerseits um „Branded Entertainment“, also die Einbindung von Popmusik in die Werbekampagnen großer Marken, andererseits darum, wie sich Musiker heute innerhalb ihrer digital zersplitterten Welt orientieren können. Auch Diedrich Diederichsen war dazu angereist – in seiner Funktion als Theorie-Professor an der Wiener Akademie der Bildenden Künste.

Auf einem Panel mit dem Leiter der Mannheimer Popakademie, Udo Dahmen, und dem frisch designierten Chef des neuen Pop-Instituts der Essener Folkwang Universität der Künste, Hans Nieswandt, erörtete er, wie und zu welchem Zweck man Popmusik lehren könne. Sehr unterhaltsam ging es darum, wie man die jeweiligen „Schatten“ der Kandidaten als künstlerische Position entwickeln helfe − und ob man dabei eher „Schutzräume“ (Diederichsen) für künstlerische und theoretische Freiheit bieten solle oder ob man sich dem angewandten Pop zu widmen und auf die Füllung des Magens und des Kühlschranks zu achten habe.

Immerhin lockern sich bundesweit die Verständigungsschwierigkeiten mit Politik und Wirtschaft. Und wie in Hamburg und Berlin fördert man auch in Köln Popmusik und Veranstaltungen wie die c/o pop als Standortmarke.

Um die 25.000 Besucher zogen die rund 100 Auftritte in den vier Tagen nicht nur in die Clubs der Stadt. Sehr sinnig fügte sich etwa die dänische Songwriterin Agnes Obel in die steile Struktur der Philharmonie. Die kammermusikalische Besetzung mit Obel am Flügel, einer Cellistin und einer Geigerin wurde durch ein paar Loop-Pedale erweitert. So konnte man verfolgen, wie Obel ihre zart bewegten Lieder klug mit impressionistischen Motiven und repetitiven Mustern der Minimal-Tradition zusammenführte.

Eine musikalische DNA

Der Erfolg der Künstlerin basiert auf Stücken wie „Riverside“ und „Just So“, was ganz ausgezeichnet zu den lehrreichen Talkrunden zum „Branded Entertainment“ passte. Denn so deutlich sich ihre Songs in die Indietradition sortieren lassen – bekannt wurden sie durch TV-Serien und Telekom-Werbung.

Noch vor nicht allzu langer Zeit galt die Verbindung mit der Werbeindustrie als Verrat von Lebenshaltung und Kunst. In Deutschland hinkt die Entwicklung zwar noch hinterher, aber international ist längst klar: Dieser Krieg ist vorbei. Auf der c/o pop erlebte man ebenso smarte wie leidenschaftliche Menschen, deren einkömmlicher Beruf darin besteht, der Markenwelt (vertreten waren etwa Levi’s und Coca Cola, Telekom oder Red Bull) „eine musikalische DNA“ einzubauen. Die Künstler machen fast ausnahmslos mit. Als einzige Verweigerer nannte Hans Brouwer von der global wirkenden holländischen Agentur Massivemusic The XX, Neil Young und Tom Waits.

Dabei geht es nicht mehr nur um sogenannte Syncs, die Synchronisation eines Songs mit einem Produkt. Die Zahl der Auftragsarbeiten steigt, und immer öfter kümmert man sich – gern im Direktkontakt mit Verlegern und Management, also an den Labels vorbei – um Förderung und langfristige Bindung an Bands und Künstler, investiert in Ausbildungsprogramme, besorgt Auftritte in den sozialen Netzwerken oder kuratiert Festivals wie die Telekom, die man, so ihr Vertreter, mitunter „schon ausverkaufen kann, bevor das Line-Up bekannt ist“. Lächelnd wurde dabei die Frage übergangen, ob daher die Brands sich nicht zu Plattenfirmen wandelten.

Ganz nebenbei konnte man auch erfahren, wo die alte künstlerische Disziplin der Authentizität ihren Platz hat. Man wolle keine Kunden, sondern Fans schaffen. Darin waren sich alle einig. Daher müsse die Kultur authentisch abgebildet und integriert sein. Wozu man natürlich wissen muss: Wer sind die, und was wollen die?