In der großartigen, schrecklichen Comic-Erzählung von Art Spiegelman über einen Holocaust-Überlebenden „Maus“ fragt der Sohn, wie er die Lager künstlerisch angemessen darstellen könne. Der Vater: „Wie es in Auschwitz war? Hmm, wie soll ich das erklären … BUH“ Der Sohn erschrickt bis in die Knochen: „Genau so war’s … Aber immer. Von dem Moment an, wo man am Tor ankam, bis zum bitteren Ende.“

Immer wieder kam beim Lesen des gewaltigen Buchs von Nikolaus Wachsmann „KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager“ die Erinnerung an diese Szene auf. Denn er versucht, den Weg zum Schrecken aufzudecken, die damit verbundenen Macht- und Rechtsvorstellungen, Emotionen, Karrierepläne und Konkurrenzen, ökonomischen und politischen Kalküle, Ideologien, aber auch die sozialen und kulturellen Vorurteile.

Die erste Überblicksdarstellung der Konzentrationslager-Geschichte

Wegen dieser Sicht auf die Lager aus fast allen möglichen Richtungen wurde dies Buch schon im vergangenen Jahr bei seinem ersten Erscheinen in englischer Sprache – Wachsmann lehrt seit Jahrzehnten in Großbritannien – gefeiert. Angesichts der nun erhältlichen deutschsprachigen Fassung kann nur konstatiert werden: Zu Recht. Es ist nicht nur tatsächlich die erste Überblicksdarstellung der Konzentrationslager-Geschichte, sondern ein Buch, das das System der Lager, ihre Notwendigkeit für das NS-Regime und seine Ideologie phänomenal gut erklärt. Dabei betont Wachsmann immer wieder, nicht zuletzt durch das breit angelegte Literaturverzeichnis, dass ohne die Arbeit anderer Forscher seine Arbeit trotz aller neuen Aktenstudien gar nicht hätte entstehen können. Besonders die Gedenkstätten und die vielen Bürgerinitiativen und „Graswurzel-Forscher“ hätten seit den 70er-Jahren das Netz der Tausenden von großen und kleinen KL deutlich gemacht, die enge Vernetzung der Lager mit der Gesellschaft, die Absurdität der Nachkriegsbehauptung, „man“ habe ja nichts gewusst.

„KL“ für Konzentrationslager, das klingt verbindlicher als das zackige KZ. Wahrscheinlich hat sich deswegen nach dem Krieg der zweite Begriff durchgesetzt. Er entsprach der Sehnsucht, dem Grauen der Lager einen scharfen Begriff zu geben, markierte auch historische Eindeutigkeit. Der Weg aber, so Wachsmann, verlief eben nicht eindimensional von dem 1933 eröffneten Konzentrationslager in Dachau zum Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Um 1935 etwa sanken die Gefangenenzahlen so sehr, dass sie ohne weiteres auch durch die Gefängnisse aufgenommen hätten werden können. Himmler und Hitler aber wollten ihre Macht nicht nur durch Terror zementieren. Das war zu dieser Zeit gar nicht mehr nötig, das Regime fest etabliert. Ihnen ging es um die Reinigung der Gesellschaft von allen, die als störend empfunden wurden. Und dafür waren die KL ein perfektes Instrument. Sie wurden neu organisiert, erweitert, effizienter gemacht.

„KL“ statt „KZ"

Die Nazis signalisierten durch das bürokratisch korrekte „KL“ die angebliche Normalität dessen, was da seit 1933 in idyllischen Städtchen wie Dachau oder Oranienburg oder auf dem Land entstand. Wachsmann kann mit der Übernahme dieser Abkürzung zeigen: Nazireich ohne KL, das geht nicht. Konsequent lehnt er deswegen auch jede historische Relativierung der Einzigartigkeit dieses bürokratisch abgesicherten, auf Gewalt aufgebauten und schließlich zum Massenmord-Instrument ausgebauten Systems ab. Die „Concentration Camps“ der britischen Armee für die Buren in Südafrika und selbst die deutschen Lager für Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika nach dem Herero-Krieg seien Folge des Kriegs gewesen, nicht ein System, das auch den Frieden beherrschen sollte. Nur weil Görings Vater in den 1890ern im heutigen Namibia gearbeitet habe, gebe es noch keine direkte Linie von dort nach Auschwitz, monierte Wachsmann bei der Vorstellung seines Buches am Dienstag in der Topographie des Terrors.

Seine These, auch der Gulag, den die Sowjets seit den 1920ern als Instrument des Alltagsterrors entwickelten, sei keine Wurzel der KL, wird noch viel debattiert werden. Andererseits ist es wohl wirklich so, dass das deutsche Lagersystem im Unterschied zum Gulag ökonomisch irrelevant war. Die SS vermietete ihre Gefangenen nur als Sklaven an die deutsche Industrie. Das eigentliche Ziel blieb die Auslöschung aller derjenigen, die als lebensunwert betrachtet wurden.

Zehn Jahre hat er für dies Buch geforscht und geschrieben. Der literarische Ehrgeiz ist deutlich, vor allem aber die Lust daran, zu erklären und aufzuklären. Das kommt nicht zuletzt der intensiven Betrachtung jener Opfer zugute, an die lange nicht erinnert wurde: Neben sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern sind das Sinti, Roma, Homosexuelle und „Asoziale“ wie Kriminelle oder Prostituierte. Gerade ihre Einkerkerung wurde von der Mehrheitsgesellschaft und sogar in den Lagern selbst als gerechtfertigt angesehen. Und nach dem Krieg waren diese Gruppen oft nicht in der Lage, auf ihr Leiden aufmerksam zu machen: In der UdSSR wurden sie als Vaterlandsverräter wieder in Lager gesperrt, Sinti oder Roma litten weiter unter der Diskriminierung als „Zigeuner“, Homosexuelle waren vom Paragraphen 175 bedroht, Prostituierte arbeiteten bis vor kurzem illegal. Die Erinnerung an die Lager ist also, das macht Wachsmann deutlich, auch durch soziale Umstände gefiltert: Memorien haben vor allem Opfer mit guter Bildung und besserem Sozialstatus geschrieben.

Selbst die Kapos sind letztlich Gefangene

Für Wachsmann sind die Gefangenen in den KL nicht willenlose Opfer, sondern Menschen mit Entscheidungswillen und -möglichkeiten. Er zeigt ihre Kraft, ihre Ohnmacht, macht deutlich, dass selbst die Kapos letztlich Gefangene waren, dass brutale Hierarchien herrschten und jene sozialen Vorurteile, die auch die Täter antrieben. Umso überraschender ist die eine große Lücke in diesem so umfassenden Buch: Es geht nur ganz am Rand darauf ein, dass die KL auch ein kultureller Kosmos waren. Dabei hat selbst der Fertigteilwohnungsbau eine Wurzel im KL Neuengamme, wurden die Lager nach neuesten stadtplanerischen Methoden angelegt, spielten berühmte Schauspieler wie Johannes Heesters vor der SS in Dachau, entstanden in den Lagern Bilder, Theaterstücke und Musikkompositionen. Hier zeigt sich die Angst vor der Kunst und der Architektur als Geschichtsquelle, die für deutsche Historiker typisch ist.

Ganz und gar keine Angst hat Wachsmann hingegen davor, Geschichte auch literarisch als „Story“ zu schreiben. Was zu sprachlichen Lockerheiten führt, etwa, wenn er den späteren Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß als einen der „hellsten Sterne der Lager-SS“ bezeichnet. Doch so wird eben deutlich, dass es auch die Sicht der Täter auf die Lager gab, ihr eigenes Sozialsystem, ihre Selbstidealisierung als Truppe voller Männlichkeit, Tapferkeit und Ethos. Viele Männer und Frauen im Terrorapparat der Nazis waren eben nicht finstere, bornierte, kriminelle Sadisten. Sie waren normale Bürger – und machten nach dem Krieg oft als solche weiter.

Auch daran ist zu erinnern in einer Zeit, in der das „Normale“ politisch wieder als Ziel etwa der Breitenbildung gefordert wird, der „Volkswille“ als juristische Kategorie. Ein schreckliches, ein großartiges Buch, das in den Schulunterricht gehört.