Man ist ja doch überrascht, wenn man plötzlich voll in der Zukunft steht. Vor dem Konzert des venezolanischen Produzenten Arca am Freitag im Berghain konnte man mit allem möglichen rechnen, aber nicht mit einem derart dichten, machtvoll futuristischen Trip – ein bisschen, als ob man vergangene Clubszenen aus der SF-Kultur in echt erlebe: So hätte das also ausgesehen, wenn man die Mittel, gestalterische Kraft oder eben schlicht die Erfahrung der Zukunft, also unserer Gegenwart, gehabt hätte. Wie gesagt, ein Trip. „Ist es nicht erstaunlich“, meinte ein Kollege zwischendrin begeistert, „was wir heute so für Musik hören?“

Dabei ist Alejandro Ghersi, wie Arca mit Taufnamen heißt, seit seinen Tracks für Kanye Wests „Yeezus“ und FKA Twigs „EP2“ (derzeit arbeitet er mit Björk) ja bereits als ultramodernistischer R&B-Produzent im Overground angekommen. Als Arca hat er nach drei EPs 2012 und dem hiphop-nahen Mixtape „&&&&&“ 2013 jetzt sein Albumdebüt „Xen“ veröffentlicht. Das wirkt zunächst wie ein typisches Produzentenwerk, voller aufregender Ideen, aber auch etwas uneben damit beschäftigt, die Weitläufigkeit des Schaffens zu beweisen − bis man genauer hinhört. Und dabei eine Vision erkennt.

Exquisit fremdartig

Arca streunt zwar hyperdigital in alle möglichen Richtungen, lässt gelegentlich Beats schwellen, wellt sich ambient-artig und zitiert Motive zeitgenössischer E-Musik, aber den Puls des ganzen Albums bestimmt eine radikal und exquisit fremdartige Soundarchitektur. Für sich genommen entziffert man die Sounds als großzügigen Streifzug durch die Geschichte synthetischer Sounds. Aber in dieser Konsequenz klingen sie, als ob eine extraterrestrische Kultur die Texturen von Glas, Stahl und Holz als Kunststoff neu erfunden hätte.

Im Konzert wiederum nahm einen jedoch nicht nur die – in den ersten rund 50 Minuten − hirnbockelnd andere Musik mit. Unter den Visuals seines langjährigen Mitarbeiters Jesse Kanda wurde das Konzert zur virtuellen Ballettperformance − eine animierte Fantasie über die schillernd androgyne Figur „Xen“, Arcas Alter Ego. Er habe sie sich, so erzählt der 24-Jährige, in der frühen Jugend ausgedacht. Als Sohn eines Investmentbankers wuchs er in Caracas einerseits mit höchstem bürgerlichen Komfort auf, in einer gesicherten Wohnanlage, mit Klavierstunden, Privatschulen und gepanzerten Limousinen. Andererseits erkannte er früh, dass er schwul war − eine, so Ghersi, auch im urbanen Venezuela leib- und lebensgefährdende Situation.

Acra tanzt im Röckchen

Xen war der imaginäre Fluchtpunkt, während er sich heterosexuell in der Realität versuchte, bis er zum Kunststudium nach New York, später nach London zog. In Kandas Bildern ist Xen eine kühl glatzköpfige, meist transparente Gestalt in permanenter, ungestümer und flüssiger Verwandlung, von einer eher amorphen, weißblau bestrahlten durchs All wabernden Masse zu einer changierend hyperandrogynen Gestalt. Sie wirkt wie ein Marvelcomics-Alien, der inspiriert wurde von den grotesken, sexualisierten Körperbildern von Egon Schiele über Lucian Freud zu Paul Rebeyrolle und des knautschenden Gemorphes in Chris Cunninghams Videos.

Sie pulst mal furchterregend weiblich, mal mit aus- und einbeulenden Brüsten und phallischen Wölbungen im Schritt, und sie windet sich allein zu abstrakten Rhythmen oder spiegelnd vervielfältigt in schlauchbetückten Twerk-Ensembles. Sie reckt das geschwollene Hinterteil obszön ins Publikum, während knotige Geschwülste auf ihrem Körper wimmeln und zwischendurch grelle ektoplasmische Echtbilder aus der Medizin auftauchen.

Arca tanzt derweil hinter Pult und Keyboard mit nacktem Oberkörper und Röckchen, säuselt und rappt auch mal schreiend, während die verstörenden Bilder den oft nur skizzierten Rhythmen, den kreischenden und klonkenden, fies sirrenden oder dröhnenden und sehnsüchtigen, sternenkalten Sounds folgen. Der Saugeffekt der Darbietung ist spektakulär – bis sie sich am Ende doch noch zu fassbaren, lärmreichen Elektrobeats verdichtet. Natürlich sind auch diese schick aggressiv und originell – aber gegen die sagenhafte Andersweltlichkeit und Verstörung zuvor klingen sie eben nur sehr zeitgemäß.