Sting in der Zitadelle in Berlin: Die Sonne nach dem Sonnenuntergang

Der nordenglische Spät-Hippie schuldet niemandem etwas und knausert doch keine Sekunde mit Hits. Songs, die man nicht mitsingen kann, obwohl wir sie alle kennen.

Eine Sonne namens Sting
Eine Sonne namens Stingimago

Als allererstes entwaffnet Sting das Publikum. Noch bevor die letzte Reihe verstanden hat, wer der kanariengelbe Fixpunkt im Zentrum der Wasserfestung ist, spielt er, was viele nur als Zugabe erwartet hatten: „Message in a Bottle“. Der Sohn eines Milchmanns aus Wallsend, der Grundschullehrer in einer der ehemals blondesten Bands der Welt, The Police, kennt an diesem Abend in der Zitadelle keinen Geiz. Die Lieder, bei denen die Menschen an ihn denken, er vergisst keines.

Jede Anspannung weicht aus den Gesichtern des Publikums. „Every Little Thing She Does“, „Englishman in New York,“ „Walking On The Moon“, „Shape Of My Heart“ jagen einander. Niemand sorgt sich mehr, er oder sie könnte seinen oder ihren Song verpassen. Nun ist es umgekehrt. Die Gäste fragen sich: Bin ich bereit für mein Lied?

Zu diesem Zeitpunkt ist es keine 45 Minuten her, dass Bürgerhorden von der U-Bahn-Station bis zur Zitadelle Spandau standen; entlang einer Straße von Möbel-Großmärkten, Küchen-Häusern, Toyota-Händlern und der echten Polizei, die ruft: „Das ist ein Radweg!“ Über sie hinweg wehten Staubschwaden des Festungskieselpfads, darin manchmal noch die peitschenden Schreie der Ordner: „Reiht Euch ein, dann geht es schneller.“ Wir haben Menschen mit Rollator gesehen, die japsten.

Wieso ist Sting, mit 70 Jahren, einem geschätzten Vermögen von einer halben Milliarde Dollar und nichts mehr zu beweisen, eigentlich hier, im äußersten Westen Westberlins? Er hat Spaß an den Songs, aber nicht zu viel. Er ist aber auch kein Diener des Publikums. Er verströmt nicht die Gönnerhaftigkeit der Rolling Stones, die den Fans zu verstehen geben: Wir touren weiter, damit ihr eines Tages sagen dürft, ihr habt diese Legenden noch lebend gesehen.

Sting scheint hier zu sein, um zu sagen: Ja, die Musik ist gut, macht mir Spaß, aber muss man auch nicht überhöhen. Vergesst nicht, ich habe mal Schildkröten-Choker getragen. Das ist nicht so lange her. Wieso ich nicht wie 70 aussehe? Nun, viel Tantra-Sex, gute Gene von der Nordostküste. Die 500 Millionen helfen natürlich auch. „Just a castaway, an island lost at sea.“

Konzert im Gefängnis des Führer-Stellvertreters?

In der Schlange zu den Wurstständen entspinnt sich ein Gespräch über den Stellvertreter des Führers. „Saß nicht Rudolf Heß hier in der Zitadelle ein?“ fragt der wartende Mann direkt vor uns. „Nein,“ sagt seine Frau, „das war woanders“. Er besteht darauf, ein weiterer Mittfünfziger pflichtet ihm bei. Menschen, die am Ende ihrer Teenager-Jahre waren, als The Police sich 1983 trennte.

Die Ehefrau erzählte, sie habe das Heß-Gefängnis noch vor Augen. Da sei sie früher immer auf dem Weg zur Ausbildung vorbeigeradelt. Heß starb '87, danach wurde das Kriegsverbrechergefängnis Spandau abgerissen, es ist drei Kilometer entfernt gewesen. Sie hatte Recht, in der Zitadelle saß Hitlers zweiter Mann nie. An diesem 28. Juli verschränkt sich die erste mit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Circa 1500 Menschen, die selbst mittlerweile halbe Jahrhunderte alt sind, klatschen zu „So Lonely.“

Sting hat, dafür muss man kein Sting-Ultra sein, eine Allgegenwärtigkeit. Über wieviel Babybäuche der 80er strichen die Sounds von „Don’t stand so close to me“, „Wrapped around your finger“ und selbstverständlich „Roxanne“ hinweg? Sting spielt sie alle, als wollte er sagen: Ich war die ganze Zeit da, selbst wenn ihr jetzt nicht mitsingen könnt.

Der junge Mann, der mir sagte, dass Sting so viel Tantra-Sex gehabt haben soll und ein kurzhaariger Hippie gewesen sei, fragt sich aber, ob Sting es heute noch einmal könnte. Wäre es möglich, in Zeiten des andauernden Vorwurfs der kulturellen Aneignung, dass ein Musiker sich derart an karibischen Klängen bedient, wie er?

Sting ficht das jedenfalls nicht an. Einmal lässt er einen jungen, weißen Kollegen in einem seiner Lieder den Mundharmonika-Part, den einst Stevie Wonder darbot, spielen. Und für das einzige Lied eines anderen Künstlers wählt er Bob Marley. „Everything’s gonna be alright“ in der Zitadelle in Spandau von Sting klingt ziemlich nice.

Bei manchen Konzerten, bei den eigenen Helden, geht es am Ende nicht darum, den Künstler zu sehen. Es geht darum, dass das Idol einmal den Fan sieht. Es geht um den Augenkontakt. Dann könnte der Blick dem Angebeteten die Summe der Nächte ausdrücken, die seine Lieder durch dessen Küche stolzierten und so wie das Wetter im Herzen waren. Vielleicht ging es für einige auch bei Sting darum. Aber niemand hat es sich anmerken lassen.