Ein guter Freund fuhr einst Bands durch England, er war ein sogenannter Tour-Manager. Im Vorprogramm einer der Bands, die der Freund herumfuhr, trat irgendwo im Norden Englands eine Band namens Arctic Monkeys auf, die noch keinen Plattenvertrag hatte, aber schon Hunderte kreischender Fans anzog. Obwohl die Musik der Band keine außergewöhnliche war, sondern ein am Post-Punk geschulter Indie-Rock mit Texten über Jungs und Mädchen und was abends in der Disko so alles abgeht, hatten die Arctic Monkeys es geschafft, mit Hilfe des damals noch neuen Instruments Internet ohne Unterstützung der Musikindustrie eine beachtliche Fangemeinde heranzuziehen.

Noch vor sozialen Netzwerken wie Myspace, Facebook oder Twitter verteilten sie Umsonst-CDs bei Auftritten, deren Inhalt dann von den Fans alsbald ins Netz gestellt und somit kostenlos vermarktet wurde. Der Freund berichtet gerne, er habe dem Quartett an jenem Abend eine große Zukunft prophezeit und ihnen geraten, bloß ihren blöden Bandnamen zu ändern! Tatsächlich gaben die Arctic Monkeys erst kürzlich wieder in einem Interview an, es verginge kein Tag, an dem sie die Namensgebung nicht bereute. Allein der Rat des Freundes kam damals schon zu spät, der Brand war bereits zu bekannt.

Sofortiges Mitgrölen

Zahlreiche Hitsingles und sechs Alben später sind die Fans noch genau so laut, ihre frühe Bindung und Einbindung hat also bis heute gehalten. In der Columbiahalle, wo die Band am Dienstagabend das erste von zwei restlos ausverkauften Konzerten gab, um ihr neues Werk „Tranquility Base Hotel & Casino“ zu bewerben, war die Hölle los! Schon beim ersten Stück des Abends, „Four Out of Five“, sang der komplette Saal die wortreichen Strophen des mit Gastmusikern als psychedelische Popballade vorgetragenen Liedes mit – und das, obwohl es erst seit einigen Tagen auf dem Markt ist.

Auch beim Folgestück „Do I Wanna Know?“ vom Vorgängeralbum „AM“, auf dem die Band mit Hiphop-Beats experimentierte, war trotz ähnlich getragenen Tempos eine riesige Party im Auditorium. Haben alle diese Menschen derart langweilige Leben?, fragte man sich da. So interessant ist die Musik ja nun auch wieder nicht. Aber gut, Jungs und Mädchen und alles, was abends in der Disko so abgeht: das tangiert einen noch halbwegs jungen Menschen häufig und direkt.

Auf der Plus-Seite muss man außerdem anmerken, dass Frontmann Alex Turner sich einen zeitlosen, weltgewandten Dandy-Look mit knapp schulterlangem Haar und gutem Zwirn angelegt hat, den er in vornehmer Ekstase über die Bühne fegen lässt. Einmal, im seitlichen Profil am vorderen Bühnenrand sich halb bückend und eine emotionale Mikrofon-Mund-Beziehung performend, erinnerte er an Brett Anderson, den Sänger der Britpop-Glam-Band Suede, allerdings ohne dessen angeberhaftes Gehabe.

Als wäre es Hardcore-Punk

Generell mangelt es der gesamten Band an Angeberei. Schnelle alte Stücke wie „Brianstorm“ oder „I Bet You Look Good On The Dancefloor“ wurden nonchalant aber doch passioniert hingeschreddert – und obwohl es doch nur eher durchschnittlich gespielter Indierock war, tobte die Menge wie der Moshpit bei einem Hardcore-Punk-Konzert. „Ich liebe das Leben“, schrie eine ziemlich stressige Frau neben mir ihren Freund an und zerrte ihn zum Tanzen an sich, als die Band gegen Ende des Abends das Affairen-Ende-Lied „Knee Socks“ spielte.

Ob bei der jugendlichen Disko-Besingung oder im neuen Material, das sich mit einer Art frühen Midlife-Crisis des Musikprominenten auseinandersetzt, hat Alex Turner die Fähigkeit, klassische Pop-Texte zu schreiben: vage genug, dass jeder sich hineinprojizieren kann, aber mit sehr memorablen und mitgröhlbaren Spezifika durchsetzt. Das doofe Spezifikum im Bandnamen ließ die Bühnendeko übrigens weg: „Monkeys“ stand da einfach in großen Lettern hinter der Band. Recht nett.

Arctic Monkeys: Tranquility Base Hotel + Casino, Domino Recording.

Die Tour führt weiter nach Rom (26./27.5.), Paris (29./30.5.), Barcelona (2.6.), Mailand (4.6.), London (7.6.), Hilvarenbeek/NL (8.6.), Dover/U.S. (15.6.)