Originalgetreues Aufführen von sehr alten Langspielplatten liegt bleibend im Trend. Seit die digitale Distribution von Pop dessen Darreichungsformen immer weiter atomisiert, ist auch hier die Sehnsucht nach „echter Erinnerung“ und „großen Zusammenhängen“ immer stärker geworden. Mögen sich die jungen Leute nur noch für einzelne Tracks interessieren – in den Konzertsälen erfreut sich das reifere Publikum am liebsten an klassischen Werken in authentischer Komplexität; auch immer mehr Künstler in fortgeschrittenem Alter finden daran Gefallen, Tonträger aus der Früh- oder Hauptphase des eigenen Schaffens in möglichst dicht sich an der Gestaltung des Originals bewegender Weise auf die Bühne zu bringen.

So führte die New-Yorker Rockgruppe Sonic Youth 2007 in der Columbiahalle ihr 1988 erschienenes Konzeptdoppelalbum „Daydream Nation“ auf; Lou Reed inszenierte im gleichen Jahr im Tempodrom sein Album „Berlin“ aus dem Jahr 1973 mit Kinderchor. Die britische Gruppe The Cure bietet in ihren Trilogiekonzerten drei klassische Alben in jeweils vollständiger Form dar. Kürzlich spielte der frühere Genesis-Gitarrist Steve Hackett im Tempodrom unter dem Titel „Genesis Revisited“ Klassiker aus dem Frühwerk der Band, wobei er sein ausgefuchstes Gitarrenspiel erstmals so in den Vordergrund stellen konnte, wie er es zu Original-Genesis-Zeiten nicht durfte.

Im Oktober wird der frühere Bassist der Gruppen Joy Division und New Order, Peter Hook, im K17 Club mit seiner Gruppe The Light die beiden ersten New-Order-Alben „Movement“ und „Power, Corruption and Lies“ aufführen, was die Frage aufwirft, ob man als Ex-Mitglied einer Gruppe zugleich Mitglied in einer Cover-Band dieser Gruppe sein kann oder ob die Cover-Band durch die Anwesenheit eines Originalmitglieds automatisch zu einer Fortsetzung der Originalgruppe wird; im Fall von Peter Hook würde ich sagen: ersteres.

An diesem Montag spielt nun die New-Yorker Mathematik-Metal-Band Helmet im SO 36 ihr vor 20 Jahren erschienenes drittes Album „Betty“. Bereits am Sonnabend brachte die Hamburger Diskurspopgruppe Blumfeld im Astra Kulturhaus ihr vor 20 Jahren erschienenes zweites Album „L’état et moi“ zur Darbietung, ergänzt um einige weitere Stücke aus dem Frühwerk der Band von den Platten „Ich-Maschine“ und „Old Nobody“.

Zu diesem Behufe hat sich die 1990 gegründete und 2007 bis auf weiteres aufgelöste Gruppe noch einmal in ihrer Gründungsbesetzung zusammengefunden. Neben dem charismatischen Sänger und Jeansanzugträger Jochen Distelmeyer spielten der Schlagzeuger André Rattay, der Blumfeld bis zur Abschiedstournee angehörte, sowie der Bassist Eike Bohlken, der die Gruppe 1996 verließ und heute als Privatdozent am Philosophischen Seminar der Eberhard Karls Universität Tübingen arbeitet; 2011 ist im Campus Verlag seine Habilitationsschrift unter dem Titel „Die Verantwortung der Eliten. Eine Theorie der Gemeinwohlpflichten“ erschienen.

Mit dem ersten Stück von „L’état et moi“, „Draußen auf Kaution“, wurde das Konzert auch eröffnet: Zu schroffen, gleichermaßen dünn wie druckvoll wirkenden Gitarrenakkorden wird darin das Gefühl einer inneren Leere beschrieben und mit der Kritik der allgemeinen Vereinzelung der Menschen in kapitalistischen Verwertungszusammenhängen verbunden. Auch die folgenden Stücke von „L’état et moi“ lebten von dieser Verbindung von Privatem und Politischem, wie beispielsweise „Eine eigene Geschichte“, in der Jochen Distelmeyer davon singt, dass „der Staat kein Traum“ ist, sondern sich sogar „in meinen Küssen befindet“.

Anfangs wirkte die Band im Zusammenspiel noch etwas ungeübt und der Sänger für seine Verhältnisse geradezu schüchtern; die besten Stellen des Abends fanden sich in dessen zweiter Hälfte und dies vor allem bei Stücken wie „Zeittotschläger“, die vom Blumfeld-Debüt „Ich-Maschine“ stammten. Sehr gut gefallen hat mir, dass nach einer halben Stunde bei dem Stück „Pickelface is back in town“ der Gitarrenverstärker kaputtging. Dadurch erhielt das Publikum eine zehnminütige Pause geschenkt, um sich ein Bier zu holen und eine Zigarette zu rauchen: eine löbliche Einrichtung, die ich ansonsten bisher nur von Bryan-Adams-Konzerten kannte.

Während dieser Pause sowie vor und nach dem Konzert standen die Menschen im Hof in großen Gruppen zusammen und tauschten Erinnerungen an früher aus – soweit sie sich erinnern konnten: So wurde beim Versuch der Rekonstruktion, wann man Anfang der Neunzigerjahre in welchem natürlich inzwischen schon längst verschwundenen Club auf der Hamburger Reeperbahn dieses oder jenes Blumfeld-Konzert gesehen habe, eifrig im Nebel gestochert. Abgesehen von drei Kindern aus den Familien der Musiker, die sich das Konzert von der Bühnenseite aus ansahen und dabei knallbunte Kopfhörer trugen, war im Publikum kaum jemand jünger als 40. Wer mit Internet, Facebook und diesem ganzen neumodischen Kram aufgewachsen ist, hat wahrscheinlich auch Schwierigkeiten damit, den komplexen Sprachkonstruktionen Jochen Distelmeyers zu folgen.

Am Ende des Abends kombinierte die Band ihr Stück „Verstärker“ mit „Electric Guitars“ von Prefab Sprout und „Everytime We Say Goobye“ von Cole Porter – ganz so wie schon bei den Konzerten der letzten Abschiedstournee im Jahr 2007. Was man als Hinweis darauf werten kann, dass auch der an diesem Abend vorgenommene Abschied vom Publikum kein endgültiger sein dürfte, sondern dass noch einige weitere Wiederaufführungs- und Abschiedstourneen folgen werden, ähnlich wie man es von anderen großen deutschen Popkünstlern kennt, zum Beispiel von Howard Carpendale und den Scorpions.