Berlin - Dein Steak ist nicht hipper als mein Schweineschnitzel, dein Cadillac ist nicht hipper als meine Bushaltestelle und dein Champagner ist nicht hipper als meine Limo" - aber Dr. John, der hinter seinem Flügel auf der Bühne des Astra mit diesen Worten aus "Qualified" seine Approbation verteidigt, ist hipper als ganz Friedrichshain.

Das liegt nicht allein an der äußeren Erscheinung, obwohl sich der 71-Jährige bei seinem ersten Auftritt in Berlin seit dem letzten Jahrtausend auch modisch nicht lumpen lässt: Pinkfarbener Samtanzug über einem soliden Bauch und Hemd mit Riesenkragen, der Hut mit einem buntem Band verziert, der Bart und der Zopf grau, die Zähne an der Kette um den Hals spitz und die Sonnenbrille groß und dunkel.

Die unbestreitbare Aura von Hipness liegt vor allem an einer superlässigen Präsenz, gepaart mit einer inneren Funkyness, die man noch in den kleinsten messerscharfen Pianoakzenten und geknarzten Blues-weisheiten spürt.

Andererseits würde Dr. John seinen prachtvollen Mix aus traditionellem R&B, Soul und Funk aus New Orleans vermutlich vor einem Häuflein eher gesetzter Jazzfans spielen, wenn er nicht sein neues Album "Locked Down" mit auf Tour gebracht hätte. Das hat nämlich Dan Auerbach von den so erfolgreichen Neo-Bluesrockern The Black Key produziert, weshalb der Saal nun ungefähr zur Hälfte mit Menschen gefüllt ist, die zu den Zeiten, als seine Musik im Pop Zugkraft hatte, kaum als Kinderwunsch existierten.

"Locked Down" gehört dabei sicherlich zu den knackigsten Alben seiner langen Karriere, die zwar schon in den Fünfzigern begann, aber erst in den späten Sechzigern ordentlich anzog. Nicht zuletzt, weil er sie für einen Gefängnisaufenthalt unterbrechen musste, den ihm eine wilde frühe Jugend in Nebenberufen wie Bordellbetreiber, Abtreibungsunternehmer und Drogendealer einbrachte. Auerbach hat seinen Sound wieder zurück in die Sechziger gestellt, als Malcolm John "Mac" Rebenack, wie er bürgerlich heißt, seine traditionellen Wurzeln durch einen giftigen psychedelischen Filter mitten in den Rock-Zeitgeist wachsen ließ. "Locked Down" bringt einerseits eine etwas rauere Rock’n’Roll-Tönung zurück, arbeitet jedoch andererseits auch schick die unübersichtlichen New-Orleans-Einflüsse heraus, spielt mit rasselnd perkussiven Ethiojazz-, Afrobeat- und Latin-Motiven, sumpfig schubberndem Barblues und borstigem, vitalem Soul.

Dr. John stellt schnell klar, dass er diese Entschlackung nicht als Wiedergeburt versteht, wie sie Rick Rubin für Johnny Cash modellhaft vorgeführt hat. Er spielt ein paar Stücke des neuen Albums, den Titelsong und das schmutzig bedrohliche "Revolution" recht früh im Set und lässt auch die Orgel ein paar Mal quieken und gurgeln. Zwischendurch greift er sich auch mal die Gitarre, sein erstes Instrument, das er aufgab, nachdem man ihm bei einer Rauferei in die Hand schoss.

Aber um eventuelle neblige Voodoo-Erwartungen, die er auf dem "Locked Down"-Cover mit seinem grellen Feder-, Knochenschmuck erwecken mag, schert er sich nicht weiter. Schließlich erschien seit seinem 68er-Debüt als Bandleader regelmäßig alle zwei, drei Jahre ein neues Album, wobei er seine fünf Grammys zwischen 1989 und 2008 in den Kategorien Pop, Rock, Jazz und Blues einsammelte.

Deshalb gibt es auch im Astra-Set funky aufgeputzte Ausflüge in den frühesten New-Orleans-Jazz und Nummern wie das extremst synkopierte, prachtvoll hüpfende "Big Chief" seines Lehrmeisters Professor Longhair, von dem auch die einzige Zugabe "Tipitina" stammt. Longhair hat nicht nur seinen Klavierstil mit den hart rollenden Riffs deutlich beeinflusst, sondern auch seine Inszenierung als Voodoo-Priester, die er heute nur noch relativ bescheiden mit ein wenig Gerassel um Hals und Finger und zwei Totenköpfen auf der Bühne anspielt.

Wie allerdings die Voodoo-Tradition die verschiedensten religiösen Ansätze zu einem synkretistischen Kult verbindet, so besteht die Besonderheit seiner Kunst - und überhaupt des speziellen New-Orleans-Stils - darin, weiße wie schwarze Ideen, Blues und Cajun-Schunkeln, Rock und auch Roll zu einem einzigen dichten Funk zu verühren. Auf der Bühne hat er dazu ein paar ausgezeichnete Leute versammelt, voran den Bass seiner Lower 911-Band. Ganz vorzüglich wagen sich jedoch auch die junge Dame an der Posaune und der Baritonsaxofonist tief in die schwappenden Sümpfe, aus der Dr. John mit seiner krächzend drohenden Stimme steigt.

Man kann nicht gerade behaupten, dass die Musik in irgendeiner Weise modern wäre. Aber wie ihr genau diese Frage so vollkommen egal scheint, das hat schon eine höchst faszinierende, ultracoole Haltung und Eleganz.