Zu einem kurzweiligen Konzertabend bei sommerlichen Temperaturen ist es am Sonnabend im Berliner Olympiastadion gekommen, vor 60.000 Zuschauerinnen und Zuschauern musizierte der bedeutendste Popstar, den dieses Land in den letzten Jahren hervorzubringen vermochte: Helene Fischer. Es war der erste von zwei ausverkauften Auftritten von ihr. Wegen der Hitze hatte sich Fischer vorab große Sorgen um die Gesundheit ihrer Anhänger und Anhängerinnen gemacht, deswegen waren die Wasserpreise im Stadion gesenkt, und auf den Rasenflächen des Vorplatzes luden Sprenkleranlagen zur Benässung und Abkühlung ein.

Schmackhafte Kräuterbuttersorte

Vor Beginn des Konzerts wurde auf zwei großen Leinwänden unter anderem ein Film gezeigt, in dem Helene Fischer eine besonders schmackhafte Kräuterbuttersorte bewirbt. Man konnte abwechselnd ihr Gesicht in Großaufnahme sehen sowie, ebenfalls in Großaufnahme, ein rundes Stück Kräuterbutter, das auf einer saftig braunen Steakscheibe schmolz. Als ein Mann von der Seite ins Bild trat, um seinen Finger in die schmelzende Butter zu stecken, wurde er von Helene Fischer geschubst.

Laufsteg in Form einer Gebärmutter

Vor die Bühne war ein in einer kleinen Rundbühne mündender halbovalförmiger Laufsteg gebaut worden, der also wie eine Gebärmutter aussah; in dessem Inneren standen ein paar hundert Menschen, die sich alle weiß eingekleidet hatten. Nachdem die Butter geschmolzen und das Steak gegessen war, forderte ein Moderator in einer roten Hose die Zuhörinnen und Zuhörer auf, auf ihren Mobiltelefonen eine Helene-Fischer-Lightshow-Anwendung zu starten, mit deren Hilfe am späteren Abend in dem Stück „Fieber“ jeder zum interaktiven Bestandteil werden könne. Unterdessen hatte ein Luftballon in Form eines Zeppelins über den Köpfen des Publikums zu kreisen begonnen und erinnerte an die Militärflugtechnologie des Deutschen Reichs.

Mit einem Feuerwerk wurde dann der Auftritt von Helene Fischer eröffnet, weiße Rauchwolken pufften aus der Gebärmutter hervor, lange schleimgrüne Fäden wurden ins Publikum geschossen und dann kleine Schnipsel in Eitergelb. Zu dem weiter gemächlich kreisenden Zeppelin gesellte sich eine flink flitzende kleine Drohne mit lustig blinkenden roten und grünen Lichtern. Helene Fischer betrat die Bühne in einem eidotterfarbenen Minikleid mit einem langen wehenden Schleier am Po und bis zum Knie reichenden goldenen Schnallenstiefeln, die an italienische Gladiatorensexfilme der Siebzigerjahre erinnerten, und sang das Lied „Unser Tag“.

Es folgte „Und morgen früh küss ich dich wach“ und „Fehlerfrei“, das allerdings nach zwei Strophen von einem auf dem Bühnenboden sitzenden Mann in einer Jeansjacke unterbrochen wurde, der unentwegt etwas rappte, zum Beispiel wiederholt „Hit Me!“. Bei dem Stück „Mitten im Paradies“ wurde Helene Fischer von vier dunkelhäutigen Tänzern begleitet, die ihre Oberkörper vollständig mit wilden Tätowierungen bedeckt hatten. Allerdings waren diese Tätowierungen nur auf fleischfarbene Langärmelhemden gedruckt, deren sich die Tänzer später entledigten, worin man den kulturell-ästhetischen Gehalt des gesamten Abends in interessanter Weise komprimiert fand.

„Pommern liebt Helene Fischer“

Nach dem Ende von „Mitten im Paradies“ filmte Helene Fischer mit einer großen Videokamera ihr Publikum und projizierte die Bilder auf eine Leinwand, wobei unter anderem eine große blauweiß gestreifte Flagge in den Blick geriet, auf der ein Greifvogel prangte sowie der Schriftzug „Pommern liebt Helene Fischer“, was wiederum gut zu dem Zeppelin passte. Weitere Höhepunkte des Abends waren die Medleys, in denen Helene Fischer unter anderem „Party Rock Anthem“ von LMFAO interpretierte, wobei ich allerdings sagen muss, dass mir die Version der Schlümpfe besser gefällt. Außerdem spielte sie „Sexy“ von Marius Müller-Westernhagen und räkelte sich dazu in einem hellblauen Jeansanzug auf einem roten Sofa in Form eines Kussmunds mit einer sehr dicken Unterlippe. Ob man zu einem hellblauen Jeansanzug indes giftgrüne Stilettos anziehen sollte? Auch mit den pinkfarbenen Pfennigabsatzpumps, die sie zu dem Stück „Fieber“ trug, bewies Helene Fischer einen kontrovers zu diskutierenden Schuhgeschmack.

Absolut untadelig war hingegen das Flugsportprogramm, das sie im letzten Drittel des Abends absolvierte. In einer glitzernden grünen Bluse mit schwarzen Punkten, die wie eine Fläche aus Froschlaich aussah, ließ sie sich mit langen Drahtseilen verbinden und alsdann in rasendem Tempo in schwindelnder Höhe durch das gesamte Stadion ziehen und wieder zurück. Mal sah sie dabei aus wie Wonder Woman beim Fliegen; mal schlug sie auch Purzelbäume oder sang mit dem Kopf nach unten hängend das Stück „Von hier bis unendlich“. Inzwischen dräuten dunkle Gewitterwolken von Westen, und es hatte ein wenig zu regnen begonnen; allerdings wurde der Regen nicht so stark, dass er den Körper von Helene Fischer sonderlich nass gemacht hätte. Wer vergeblich darauf hoffte, auf diese Weise noch ihre Brustwarzen zu sehen zu bekommen, musste dennoch nicht enttäuscht nach Hause gehen.

Beim Verlassen des Geländes konnte man das neue Magazin „Paradies by Helene Fischer“ erwerben, in dem sich unter anderem eine opulente Wet-T-Shirt-Fotostrecke mit der Sängerin befindet: „Dass Helene beim überstürzten Sprung in den Pool noch eine Sommerbluse anhatte, ist ihr völlig egal.“ Der Abend im Olympiastadion endete bei trockenem, aber bedeckten Himmel mit einem farbenfrohen Feuerwerk und der Dancefloor-Version des bekannten Helene-Fischer-Lieds „Atemlos durch die Nacht“.