Komisch, dass Patti Smith erst jetzt aufs Reenactment kommt, denkt man sich, während die Künstlerin im ausverkauften Tempodrom zur Wiederaufführung ihres Debütalbums „Horses“ schreitet. Komisch, weil ja seit gut zehn Jahren alle und auch die Coolsten wie die Stooges oder Sonic Youth ihre Klassiker quasimuseal als ideengeschichtlichen Meilenstein präsentiert haben.

Denkmäler zu setzen und sich – in einer Art magischen Transsubstantiation – durch dieser skulpturale Arbeit selbst in deren Reihe zu stellen, bildet wiederum einen nicht unwesentlichen Aspekt von Patti Smiths Werk. Die Songs von „Horses“ sind unter anderen William Burroughs, Jim Morrison und Jimi Hendrix gewidmet. „Ich habe es für die Poesie getan, ich habe es für Rimbaud getan“, schrieb sie einmal über den Schritt von der Dichterlesung zur dichterischen Punkrockerin.

40 Jahre liegt „Horses“ zurück, und da scheint es schon legitim, die immense Bedeutung des Albums noch einmal in Erinnerung zu rufen. Sie liegt auch im rauen, abgespeckten Klang, mehr noch an der bemerkenswerten näselnd-kehligen Stimme, die ebenso überheblich sauer wie zärtlich rau klingen kann.

Der Sound stimmte nicht immer

Aber vor allem spürt man die enorm coole Haltung, mit der Patti Smith ihre eigene Wahrheit und Geschichte gegen den offiziellen Stand der Dinge setzte – ihren Kanon der Coolness, in dem sie sich mit größter Selbstverständlichkeit in die Männerdomäne dichtete, vom Cover, das Sinatra zitierte, über den Ex-Velvet-Undergroundler John Cale, den sie produzieren ließ, bis zu den Künstlerlegenden und den Rocktoten, die sie zu Märtyrern stilisierte: „Jesus died for somebody’s sins / but not mine.“

Nun gehört zu einem gelungenen Reenactment historische Genauigkeit, damit man die Andersartigkeit spüren kann und nicht einfach erzählt bekommt. Zwiespältig schien daher schon die freundliche Ironie, mit der Smith nach „Free Money“ gestisch die Platte umdrehte und die B-Seite ankündigte. Aber es gab noch Probleme, die schwerer wogen.

Zunächst stimmte der Sound nicht. Statt der dünnen, schroffen Trockenheit von John Cales Produktion klangen im Konzert vor allem die Drums und der Bass nach heutigen Standards gesäubert, sacht hallgepuffert, leicht gedunsen. So bekam man zum Beispiel statt tollem, saurem Geschrammel in „Free Money“ einen druckvollen Rock mit angedeutetem Rockröhren. Dem Reggaeversuch „Redondo Beach“ – 1975 eine seltene Stilanleihe – fehlte der Charme des Ungelenken und Vorläufigen, weshalb er mehr ans Crossover-Kalkül von The Police erinnerte. Zudem stellte sie dem Stück die raunende Einleitung voran, Redondo Beach sei „ein Strand, an dem Frauen Frauen lieben“, während sie sich auf dem Album allein aufs coole Szenewissen verließ.

Historisches Korsett

„Elegie“, ursprünglich im Gedenken an Hendrix geschrieben, bekam wie in jedem ihrer Konzerte die Totenlitanei von Freunden und Geistverwandten bis zu – in diesem Kontext eher holprig – Amy Winehouse. Bei „Kimberly“ forderte Smith das Publikum sogar zum Mitklatschen auf, als ob sie damals schon der Klassiker gewesen sei, den sie im zweiten Teil des Konzerts mit gewohntem Charisma in Evergreens wie „Because the Night“ und „People Have the Power“ gab. Dort ließ sie ihre Band noch ein Medley (!) Velvet Undergrounds spielen, bevor sie in einem hardrockigen „My Generation“ selbst ein Original-Sechziger-Feedback herstellte.

Ich habe Patti Smith schon öfter gesehen und war meist beeindruckt von ihrer Ausstrahlung und Energie und Leidenschaft. Wahrscheinlich gab sie auch – das begeisterte Publikum wird es bezeugen – an diesem Abend ein gutes Konzert. Aber statt der Punkcoolness ihrer Anfangstage bekam man nur den historisch korsettierten Auftritt einer Rockikone, die heute auch für den Dalai Lama und den Papst spielt – ein Palimpsest zum Classic Rock, der sich anfühlte, als würde Patti Smith die Strandliegen der Erinnerung mit einem Handtuch reservieren.