Ein Mann wie ein Baum. Unkaputtbar. Hünenhaft. Wortkarg. Stellen wir uns nur einmal folgende Szene vor: Dieser Mann sieht sich einem mit allen Kampfsportwassern gewaschenen Messerfuchteler gegenüber, einem hundsgemeinen Mörder. Dieser Bösewicht macht allerlei Verrenkungen und Geräusche und also echten Eindruck. Furchteinflößend. Markerschütternd. Todesengelhaft. Doch unser Mann, der wie ein Baum dasteht, schaut sich das Treiben seelenruhig an, hält den Kopf ein wenig schief, verzieht dann eine Augenbraue, ungläubig, ja mitleidig, und befördert den Bösewicht mit wenigen, blitzschnell ausgeführten Handkantenschlägen ins Jenseits. Das sieht zwar nicht so kampfsportschön aus, ist aber offenkundig wirkungsvoll.

Gegen Steven Seagal ist kein Kraut gewachsen. Das hat der Schauspieler in unzähligen Filmen bewiesen. Die oben beschriebene Szene stammt aus „Alarmstufe Rot“ (1992), da spielt Seagal einen Schiffskoch, der im Alleingang eine Bande von Nuklearterroristen erledigt. Wir erwähnen das aus folgendem Grund: Steven Seagals bleibender Verdienst im Actionfilmgenre ist, dass er den kunstvoll choreografierten Bruce-Lee-Manierismus durch knallharte Effizienz abgelöst hat. Dieses „Quick and Dirty“ hat dem Martial-Arts-Kino vollkommen neue Horizonte eröffnet. Steven Seagal wurde zum Inbegriff effizienter, das heißt aufs Notwendigste reduzierter, eher rustikaler Bewegungsabläufe. Erfreulich ist nun, dass er uns als Blues-Gitarrist und -Sänger ganz genauso wiederbegegnet.

Ein Mann wie ein Baum. So kommt Steven Seagal am Sonnabend auf die Bühne des Imperial Clubs gerollt. Vollschlank. Vollbart. Voll da. Seine Band hat schon zu spielen angefangen, als der Meister sich dazu bequemt. Da steht der Hüne nun, im finster-engen Betonkeller des Clubs ertönen die ersten „Steven“-Rufe, viele Martial-Arts-Adepten sind gekommen, gut gebaute junge und mittelalte Männer – die in den kurzen Hosen haben wunderbar stramme Waden. Zum Publikum gehören aber auch Damen in bezaubernd knappen und/oder schwarz-vornehmen Kostümen. Sehr apart. Der Betonkeller ist ordentlich besucht, aber deutlich nicht ausverkauft, was bei einer Abendkasse von 60 Euro kaum verwundert. Steven Seagal und Band werden eine Stunde spielen.

Eine Stunde. Ein gutes Konzert. Seagal hat also die Bühne betreten. Da breitet er einen seiner mächtigen Arme aus und gebietet der Band zu schweigen. Kleine Geste, große Wirkung. Jetzt steht der Meister im Ring. Kurze Ansage, nur schwer verständlich, wer Seagals Filme im Original kennt, wundert sich nicht – der Mann ist ein großer Nuschler. Dann geht’s richtig los. Schön laut. Das ist gut, das geht zu Herzen. Seagal hat sich eine alte Gibson Firebird umgehängt, sein kleiner Marshall-Turm pustet einen roh-verzerrten Ton von der Bühne. Das klingt amtlich, in jedem Fall puristisch. Die Gitarre schlägt er mit dem Daumen an, seine ohnehin warmtönende Gibson klingt dadurch noch geschmeidiger. Er spielt nicht virtuos, sondern effizient, das heißt: pointiert. So ist Seagal eben.

Und weil nach einer Stunde alles gesagt ist, kann man dann auch Schluss machen. Alles andere wäre Verschwendung. Und mehr war an diesem Abend auch nicht zu lernen: Steven Seagal ist ein veritabler Gitarrist, seine achtköpfige Band ist hervorragend eingespielt, vor allem die beiden Background-Sängerinnen verleihen Seagals unterspannt genuscheltem Singsang etwas Kontur. Und als Botschaft gibt uns der Meister auf den Heimweg, dass wir einander respektieren und uns nicht wegen religiöser und anderer Differenzen die Köpfe einschlagen sollen. Tja, wo der Seagal Recht hat, hat der Seagal Recht.