Daniel Barenboim dirigiert einige Musiker der Staatskapelle.
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Berlin Das erste Konzert, das hier nach zwei Monaten Shutdown zu besprechen ist, zählt zu den merkwürdigsten. Merkwürdig nicht nur den Umständen nach: Daniel Barenboim und einige Musiker der Staatskapelle stehen auf der Bühne der Staatsoper vor leerem Zuschauerraum. Sie halten den empfohlenen Sicherheitsabstand ein, das heißt, dass die Bläser sich im Halbkreis über die gesamte Bühnenbreite verteilen. 

Niemand weiß, wie so ein Konzert eigentlich zu Ende gehen soll: Nach dem letzten Ton von Wagners „Siegfried-Idyll“ stehen die Musiker und ihr Dirigent einen Moment und hören die Stille, die ansonsten vom Applaus gebrochen wird, bis sie sich dann in Richtung Zuschauerraum verbeugen – vor der Kamera. Ein Geisterkonzert zum 75. Jahrestag des Kriegsendes, dessen Deutungsgeschichte von „Niederlage“ bis „Befreiung“ reicht und nun durch dieses Konzertprogramm noch einmal in geradezu surrealer Weise neu gedeutet wird. Schon sieht man den Zuschauerraum gefüllt mit den Gespenstern der Toten, die sich neben dem „Siegfried-Idyll“ auch Mozarts „Kleine Nachtmusik“ anhören müssen.

Die eigenartige Auswahl ist schwer mit dem Anlass zusammenzureimen. Die Staatsoper verlautet zu ihr nicht mehr, als dass die Werke „symbolhaft für den Form- und Ausdrucksreichtum der klassisch-romantischen Musik und das Vertrauen auf ihre elementare Wirkungskraft stehen“. Doch ist es schwer erträglich, den an Hitlers Kriegs- und Untergangs-Phantasmagorien nicht unbeteiligten Wagner hier als harmlosen Maler von Idyllen zu erleben, deren Wohllaut die Staatskapelle-Musiker liebevoll ausbreiten. Und man möchte gern glauben, dass die „kleine Nachtmusik“ als Form des „befreiten“ Spiels zum Anlass passt – und kommt doch mit ihrer vollständigen Tragikferne nicht klar.

Daniel Barenboim gibt zu Beginn den Befehl zu forscher Gangart, aber schnell pendelt sich dieser energische Auftakt wieder im gewohnten Tempo ein. Auch interpretatorisch gelingt hier keine Stellungnahme. In einer einleitenden Ansprache bat Barenboim „die Verantwortlichen auf Knien“, nicht nur an die Wirtschaft, sondern auch an die Kultur zu denken. Mit „großer Fantasie“ sollten Formen gesucht werden, in denen Musik wieder vor die Menschen gebracht werden kann. Während sich die freien Musiker so einiges ausdenken mussten und ausgedacht haben, um trotz Krise die Öffentlichkeit anzusprechen, fordert Barenboim, dass die großen Hebel in Bewegung gesetzt werden, damit er endlich wie immer in seinen Sälen spielen kann. War die Gelegenheit zum Absetzen dieses Appells pro domo der einzige Grund, dieses Konzert zu dirigieren?