Soll man etwas tun, oder soll man lieber nichts tun? Lohnt es sich, morgens aufzustehen, oder bleibt man besser im Bett? Wie pflegt man sein Phlegma, ohne dass man sich beim Phlegmapflegen allzu sehr anstrengen muss? Und was man heute besorgen kann, verschiebt man das lieber auf morgen oder auf übermorgen oder auf den Sanktnimmerleinstag? Das sind Fragen, die man sich derzeit vielerorts stellt; Prokrastination, Auf-, Ver-, Um- und Abschub von Aufgaben und Tätigkeiten gehören zu den unbedingten Lieblingsbeschäftigungen nicht nur in der jüngeren Generation.

Manche beginnen, das inzwischen aber auch kritisch zu werten: „Ich muss was gegen das Nichtstun tun“, bekennt die Berliner Sängerin Balbina in ihrem Lied „Nichtstun“, „denn das Nichtstun tut mir gar nicht gut“. Beim Aufbäumen gegen die Apathie bliebt sie dann aber wiederum eher passiv, so bittet sie in eher höflicher Form die Langeweile darum, sich zu beeilen mit dem Vergehen, und beschreibt derweil mit schön schläfriger Alt-Stimme ihre Gefühle beim Blick auf die nicht vergehen wollende Zeit: „Ich staube hier nur ein / wie ein Stofftier auf einem Regal / alles ist egal“.

„Nichtstun“ heißt auch die erste EP, die Balbina unter dem Namen Balbina herausgebracht hat. Früher nannte sie sich Bina und war als Gast unter anderem bei Berliner Rappern wie Prinz Pi und Frauenarzt zu hören, aber auch bei den Orsons und bei den Atzen; 2011 erschien ihr Debütalbum „Bina“, auf dem sie zu retroverliebten Elektrobeats in vergleichsweise flotter Geschwindigkeit sang.

„Nichtstun“ ist nun ihre erste Veröffentlichung auf einem Major-Label, ein Album soll folgen. Am Montagabend war Balbina bei der Fourmusic-Nacht im Prince Charles Club am Moritzplatz zu sehen; eine knappe halbe Stunde lang spielte sie sich durch ihr schmales neues Repertoire.

Atemberaubend

Diese knappe halbe Stunde aber war atemberaubend: So enorm ist Balbinas Präsenz im Konzert, obwohl sie nicht strahlt und eigentlich auch nichts verstrahlt. Aber wie sie die Melancholie und die scheinbare Mutlosigkeit ihrer Lieder mit kraftvoll-strengem Gestus auf die Bühne zu bringen versteht, das ist hoch charismatisch; in ihrer entschieden zentrierten Gestik und mit ihrem straff waffenartig verdrehten Dutt erinnert sie an diesem Abend auch an Bedrohlichkeitsdiven wie Diamanda Galas. Jedenfalls wird es selbst in dem kleinen, dunklen und überhitzten und vor allem von plappernden Musikindustriemenschen bevölkerten Club plötzlich ganz still, als sie, nur mit Klavierbegleitung, von dem „Wecker“ singt, den sie überhört hat und wegen dem sie nun „für Jahre verschläft“, von dem „trostlos wachsenden Moos“ oder, in dem Stück „Seife“, von dem Stück Seife, mit dem sie, was sie falsch gemacht hat, „vielleicht“ wieder wegwaschen kann, obwohl sie natürlich in dem Moment, in dem sie „vielleicht“ singt, schon zu begreifen gibt, dass diese Hoffnung vergebens ist und sie fortan mit jener nicht wegzuwaschenden Schuld leben muss.

Aus ihrem dunklen Grundton schwingt Balbina sich dabei immer wieder in kehlig hohes Hauchen empor und stürzt dann zurück auf die Erde und in die Zeit, die nicht vergeht; so anmutig anziehend ist abweisende Sprödheit schon lange nicht mehr auf einer Bühne zu sehen gewesen.