Pünktlich zum Verschwinden der letzten sengenden Sonnenstrahlen hinter den Baumwipfeln begrüßt Sänger Arnim Teutoburg-Weiß am Sonnabend die Fans in der ausverkauften Waldbühne: „Wir sind die Beatsteaks aus der Wuhlheide! Willkommen zu unserer größten Show aller Zeiten!“

Tatsächlich füllen die fünf Berliner eigentlich traditionell die Parkbühne im Osten der Stadt. Da spielen sie  in diesem Sommer auch noch, am 25. August, das Konzert ist ebenfalls längst ausverkauft – der Auftritt in der 5000 Besucher mehr fassenden großen Schwester in Charlottenburg ist also gewissermaßen ein Aufwärmtraining. Die Beatsteaks sind eben längst nicht mehr die kleine Punk-Attraktion, die 1996 einen Musikwettbewerb im Kreuzberger Club SO36 gewann und zur Belohnung als Vorgruppe der Sex Pistols auftreten durfte.

Das erkennt man auch daran, dass ihre eigenen Vorbands inzwischen selbst zu den bekanntesten deutschen Rockstars gehören: Niemand geringeres als die Hamburger-Schule-Helden Tocotronic  eröffneten den Abend und läuteten mit dem Song „Let There Be Rock“ auch gleich dessen Motto ein.

Was sich dagegen kaum verändert hat, sind die Fans, die den Beatsteaks von Anfang an die Treue halten. Man erkennt sie an den verwaschenen, mindestens zehn Jahre alten Konzert-T-Shirts, die sie mit einem Stolz zur Schau tragen, als ginge es um das Klassentreffen einer eingeschworenen Gemeinschaft.

Jede Zeile singen sie mit und pogen von der ersten Minute an: Es wird gesprungen, geschubst, auf den Händen getragen und getanzt wie in den früheren Hardcore-Zeiten der Band – sogar als Teutoburg-Weiß Donna Summers Disco-Hymne „I Feel Love“ covert und dabei erstaunlich hohe Stimmlagen zur Schau stellt.

Der bebende Kessel vor der Bühne ist eine einzige Staub- und Rauchwolke, bengalische Feuer  werden gezündet, ähnlich wie hier  auch schon bei den Toten Hosen vor wenigen Tagen, die ihr für Freitag geplantes Zusatzkonzert nach einem Hörsturz von Campino absagen mussten. „Feiert wild, aber passt aufeinander auf!“ ruft der Beatsteaks-Frontmann, der selbst immer wieder das Bad in der Menge sucht.

Ausnahmsweise hat Teutoburg-Weiß sein Standard-Live-Outfit – Jogginganzug und Anglerhut – gegen ein weißes Basecap, eine Shorts aus der eigenen Merchandise-Kollektion mit „Yours“ auf dem Hinterteil, und ein rotes, mit Hulatänzerinnen bedrucktes Hawaii-Hemd ausgetauscht. 

Später trägt er dann ein eng anliegendes schwarzes Shirt und einen dandyhaften Strohhut – passend zum Hit „Gentleman Of The Year“. Die schon zu Konzertbeginn versprochenen „Special Guests für einen speziellen Abend“ lassen nicht lange auf sich warten.

Erst kommt Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow noch einmal auf die Bühne, um mit Teutoburg-Weiß den StereolabSong „French Disko“ zu singen, den die beiden gemeinsam für den Soundtrack zur Wolfgang-Herrndorf-Verfilmung „Tschick“-aufgenommen haben. „Spontane Rebellion und Solidarität sind Akte, die jetzt wertvoll sind“ lautet der Text, Zeilen die auch einer Anti-AfD-Kampagne entsprungen sein könnten.

Mal ausnahmweise keinen „Krawall und Remmidemmi“, dafür aber groovige Schwimmbad-Beats, gibt es von Deichkind: Philipp Grütering und Sebastian „Porky“ treten als Überraschungsgäste mit überdimensionalen Hasenohren aus Glitzerfolie  auf, um den Song „L auf der Stirn“ zu performen, den sie für das Beatsteaks-Album „Yours“ beigesteuert haben. Dass ein weiterer Musikerfreund fehlt, und das nicht nur an diesem Abend, machen die Beatsteaks bei „I Don't Care As Long As You Sing“ deutlich.

Ein Lied für Demba Nabé

2016 spielten sie noch gemeinsam mit ihm und Seeed in der Waldbühne, beim Benefiz-Festival Peace X Peace. Nun leuchtet das Schwarzweiß-Porträt von Demba Nabé alias Boundzound vom Videoscreen, als die Berliner dem kürzlich verstorbenen Sänger einen ihrer größten Hits widmen. Nabé und die Beatsteaks kannten sich gut. Er steuerte einen Remix für die Single von  „I Don't Care As Long As You Sing“ bei und spielte zusammen mit Jürgen Vogel im Video zu „Hello Joe“ mit, Teutoburg-Weiß wiederum im Boundzound-Video „Stay Alive“.

Wie gut befreundet die Kreuzbeger mit Kollegen aus der Hauptstadt sind, zeigt sich auch, als das Konzert  eigentlich schon zu Ende ist: Zur ersten Zugabe kommen nicht etwa erneut die Beatsteaks, sondern Die Ärzte auf die Bühne. Das Publikum jubelt, als das Trio im schwarzen Anzug „Hipp Hipp Hurra“ und „Schrei nach Liebe“ spielt – immerhin ist die „Beste Band der Welt“ in ihrer Heimat  nur noch selten live zu erleben.

Sofort kommt einem wieder diese Zeile in den Sinn: „Wie kannst Du bei den Beatsteaks ruhig sitzen bleiben, wenn Dir doch Schlagersänger Tränen in die Augen treiben?“ Sie stammt aus dem Song „Unrockbar“ (2003). Der Sänger heißt Farin Urlaub.