Sie jubeln und pfeifen vor Freude in der ausverkauften Columbiahalle, als sich drei Menschen auf der Bühne hinter ihre Pulte begeben. Das Publikum ist gekommen, um Moderat zu hören, eine mittlerweile weltweit bekannte Elektro-Band: In Tokio hört man sie, in Mailand, London, New York. Und jetzt spielen sie also wieder hier: „Berlin! Schön, zu Hause zu sein!“

Sascha Ring, einer der drei Musiker, spricht diese Worte zu Beginn des Konzerts ins Mikrofon – und erntet Jubelrufe! Lokalmatadore sind sie: Sascha Ring, Gernot Bronsert und Sebastian Szary treten in anderen Konstellationen seit Jahren auch als Modeselektor (Bronsert/ Szary) und Apparat (Ring) weltweit auf großen Festivals auf. Moderat heißt nun der Zusammenschluss dieser schon alleine sehr erfolgreich funktionierenden Einheiten, die den Ruf Berlins als Metropole der elektronischen Musik und Partystadt in anderen Ländern mitgeprägt haben. Mit ihrem zweiten Album „Moderat II“ sind sie auf Tour, das Berlin-Konzert ist seit Monaten ausverkauft, so viele Menschen wollen die Band sehen, dass es auch für das Zusatzkonzert am heutigen Donnerstag keine Karten mehr gibt.

Es geht los! Während des gesamten Auftritts herrscht Festivalstimmung in der Halle. Moderat kann genau diese Stimmung erzeugen! Es ist eine elektronische Musik, die sich durch simple Songdramaturgien und einen zumeist geraden Takt auszeichnet, der eins will: zum Tanzen und Abfeiern animieren.

Vom Synthesizer erzeugte Soundlandschaften, Moll-Akkordschichten und einprägsame Melodien wandern zu den Beats im Raum herum und werden immer wieder stark bearbeitet, mit Hall, Delay und anderen Effekten; sie werden in die Höhe getrieben, ausgeleiert und später so abgedumpft, dass es sich anhört, als würde man sich nicht in einem Club befinden, sondern davor, weil man am Türsteher nicht vorbeigekommen ist. Viele kennen dieses Gefühl! Dieses Gefühl erzeugt eine Spannung, die sich nur eins wünscht: Auflösung. Und dann – jeder weiß vorher, wann es soweit ist, denn es macht nun mal nur an dieser Stelle Sinn – preschen wieder die klaren Strukturen nach vorne, der Beat ist wieder da!

Krankgepitscht und verdaddelt

Gernot Bronsert, der Beatverantwortliche, dreht dann immer sehr auffällig an den Knöpfen herum, hierzu geht er ein wenig in die Hocke, macht einen Buckel, mit dem Gesicht verschwindet er fast im Pult, und dann plötzlich schnellt er nach oben, er hat die Beats befreit, sie ihrer Dumpfheit entledigt. Und ist diese Aktion vollbracht, tanzt auch er ein wenig mit hinterm Pult.

Er, der Befreier, ist natürlich auch immer wieder derjenige, der die Beats krankpitscht, verdaddelt, ins Unendliche verschnellert, dann aber wieder ganz rausnimmt, und damit den nächsten Spannungsbogen erzeugt. Bis er auch diesen wieder auflöst. Hocke, Buckel, aufgeschnellt. Eine herrliche, ständig von Neuem gestellte Aufgabe! Das sehr gemischte Publikum – jung und alt, hip und normal, mit und ohne Schirmmütze – dankt immer in diesen Momenten, wenn alles wieder nach vorne prescht: uhhhh – und yeah! Hände zum Takt in die Luft.

Viele Menschen aber schauen gar nicht auf die Bühne, das sind meistens kleine Gruppen, denen es ein wenig egal ist, was die Künstler da vorne treiben, also wer da wann was an irgendeinem Knopf dreht. Diese Menschen versinken im Takt, tanzen zusammen, einige schmusen miteinander. Genau das will die Musik erreichen: einlullen, dann wieder aufrütteln, es ist eine hochemotionale Musik.

Jenen Menschen, die sich voll der Musik hingeben, auch mal die Augen schließen, entgehen allerdings die Lichtdramaturgie und die Videos, die hinter den Musikern auf zwei sehr große, voneinander getrennte Leinwände projiziert werden. Da wandern zum Beispiel vor schwarzem Grund weiße Hände umher, sie geben irgendwelche Zeichen, die man nicht genau zuordnen kann, mal in Handschellen (die Musik ist dann eher dumpf, der Beat gefangen!), dann wiederum befreit von einander auf ihren jeweiligen Leinwänden (die Musik prescht dann nach vorne).

Später wird auch ein Torero hart und impulsiv von einem zu Recht wütenden Stier angegangen, der Torero hebt ab, fliegt und fliegt, bis er im Weltall ankommt und der Körper dort herumschwebt, die Musik passt zu den Sternenbildern. Irgendwie passt alles. Nach 90 Minuten ist es vorbei, alle jubeln, und auch die Musiker sind glücklich, machen ein Foto vom euphorisierten Publikum. Berlin hat getanzt.