Mit großer Spannung erwartet das Ü30-Publikum am Donnerstagabend im Berghain den Auftritt von Neneh Cherry. Wird es ihr und den zwei Mitmusikern - dem Bruderduo Rocketnumbernine - gelingen, den Sound und die Stimmung der gerade neu erschienen und allseits gelobten Platte „Blank Project“ auf die Bühne zu bringen?

Die Antwortet lautet: Ja, und wie! Es ist sogar noch viel besser, diesem Trio live bei der Arbeit zuzusehen, ein besonderes Erlebnis. Denn Neneh Cherry, die in den nächsten Tagen 50 wird, ist eine Wucht: Wie sie sich zum Rhythmus bewegt, ihre Arme ausbreitet, sich um sich selbst dreht, den Kopf beim Singen leicht nach hinten legt, um mehr Druck in die Stimme zu legen, aus sich herausgeht (irgendwann löst sie ihren Zopf und schüttelt ihr Haar), gegen das bollernde Schlagzeug ansingt, ins Mikrofon schreit.

Viele Menschen können sich nicht so cool bewegen und gleichzeitig hervorragend singen. Und sie sieht dabei auch noch fantastisch aus. Das euphorisierte Publikum rätselt über ihre Kleidung: Ist das, was Neneh Cherry da trägt, ein Kleid in Emergency-Room-Orange? Oder gleicht es eher der Anzugfarbe von Gefängnis- oder Irrenanstalts-Insassen?

Auf jeden Fall sieht es super an ihr aus, wie maßgeschneidert. Dazu trägt sie knöchelhohe weiße Leinenschuhe, schwarze Socken, und ein wenig Bling-Bling-Schmuck an den Händen. Sie galt in den Achtzigern schon als Stilikone, brachte Jugendliche (unter anderem den Verfasser dieses Artikels) dazu, sich große und kantige Adidas-Schuhe zu kaufen. Und auch an diesem Abend hätten viele Menschen sich am liebsten genauso angezogen wie die Sängerin.

Ihre Mitmusiker spielen sehr gut, der Schlagzeug-Sound und die Keyboards harmonieren, alles passt zur warmen Cherry-Stimme. Und wenn es laut wird und verhallt, stimmt auch das, die Energie wird nach oben gepeitscht, mit Wut im Bauch wird dann gespielt. Leise können sie auch, mit viel Liebe zum Detail.

Sie spielen die Lieder vom neuen Album und das Publikum ist sehr zufrieden, es wird geklatscht, applaudiert, vor Freude gelacht und auch getanzt. Zum Ende kommt auch der alte Hit "Buffalo Stance", in einer der Zeit angepassten Version, der vielleicht schwächste Song an diesem ansonsten hervorragenden Abend.