Rainald Grebe ritt am Sonnabend pünktlich um 19.30 Uhr zum Zuschauerrund der Freilichtbühne in der Wuhlheide. Er saß auf einem Kamel aus Brandenburg und sprach: „Mein Name ist Pierre Brice. Ich grüße euch aus den ewigen Jagdgründen“. Zu Fuß stürzte er in die Tiefe der Bühne, und sein Konzert begann: „Halleluja Wuhlheide!“.

Grebe ließ sich dann in einem Körbchen wie ein Kranführer in die Höhe schrauben. „Ich bin der Präsident“, sang er von oben über den schweren Alltag des Repräsentierens. Das kannten viele der etwa zehntausend Zuschauer, unter ihnen im Kostüm gut erkennbar ein Block Fans vom 1.FC Union, der sein Stadion in der Nähe hat. Die Stimmung war sogleich einvernehmlich heiter, trotz des Aprilwetters.

Der Veranstalter hatte den Abend als „Konzertereignis des Jahres“ angekündigt. Angesichts des Programms, das sich eine Stunde vor Erscheinen Grebes auf der Bühne abspielte, konnte einen das Gefühl beschleichen, es handele sich um einen ortsgebundenen Superlativ à la „die größte DDR der Welt“.

Rainald Grebe als witziger Entertainer und stimmsicherer Sänger

Turner führten zu Pionierliedern akrobatische Sprünge vor, ein Teilnehmer der Kinder- und Jugendspartakiade von 1987 rannte noch einmal eine Stadionrunde, Delegationen anderer Länder erbrachten Grußworte, ein Honecker-Imitator ließ Friedenstauben fliegen, Senioren mit Strohhüten besangen die „Berliner Luft“. Offenbar fühlt sich der Westler Rainald Grebe vom Geist des Ortes sehr angezogen. Doch die Wuhlheide ist nun schon 25 Jahre lang kein Pionierpark mehr.

Der eigentliche Konzertabend stand nicht unter dem Thema DDR, es sollte um Volksmusik gehen. Grebe präsentierte sich als souveräner Moderator, witziger Entertainer, stimmsicherer Sänger mit schrägen Ideen und einem tollen Team. Er sang sich schnell durch das deutsche Liedgut, etwa so: „Klippklapp, klippklapp, ruft’s aus dem Wald“, und bot dann mit Gotthilf Fischer eine noch lebendige Legende auf. Der stimmte „Hoch auf dem gelben Wagen“ an. Da der Text auf der Leinwand mitlief, sang das Publikum engagiert mit.

Vielleicht auch, weil bei solch einem Konzert auch Bier und andere die Zunge lockernden Getränke verkauft werden. Grebe weiß, dass die jüngeren Zuhörer den 87-jährigen Herrn Fischer nur von der Anekdote kennen, er habe zur Love Parade Ectasy geschluckt, und sprach ihn darauf an. Der lachte das weg und schenkte Grebe die Ehrenmitgliedschaft in seinen Chören.

Ein Bassbariton singt Helene Fischers "Atemlos"

Der nächste Gast kam eigentlich aus der Hochkultur, der Bassbariton Thomas Quasthoff. Vor drei Jahren hatte er Abschied von seiner Karriere als Sänger genommen, er unterrichtet noch, aber wenn er jetzt auf der Bühne steht, dann als Kabarettist. Mit voller Stimme sang er am Sonnabend ein paar hohle Zeilen. Beim Refrain erst erkannte man, dass es sich um Helene Fischers „Atemlos“ handelte.

Heftig zurückgeklatscht und gepfiffen, bot der kleine Quasthoff noch eine Parodie des dicken, großen Altkanzlers Helmut Kohl dar – auch irgendwie volkstümlich. Mit Olaf Schubert, dem Sachsen im karierten Pullunder, kam noch mehr Politik ins Programm. Pegida bot ihm Stoff.

Grebe hat die gehörige Portion Derbheit in seinen Witzen, um ein Massenpublikum zu erreichen, doch sind sie zugleich so intelligent, dass niemand sich schämen muss, ihn lustig zu finden. Er ist der große Ironiker unter Deutschlands Kleinkünstlern. Auch seine schon volksliedberühmten Songs wie „Brandenburg“ oder „Prenzlauer Berg“ sind nicht nur böse, sondern eben ironisch. In anderen Liedern des wirklich bunten Abends ging es um die Werkzeuge im Baumarkt, ums Multitasking, um dies und das.

23 Uhr muss Schluss sein in der Wuhlheide, denn im Wald wohne ein Anwalt, sagte Grebe. Als der Applaus nicht endete, kam noch einmal Thomas Quasthoff auf die Bühne und sang „Der Mond ist aufgegangen“. Der Regen hatte aufgehört, die Sternlein blinkten. Und es war schön.