Es zwitschert, schwatzt, spricht, tiriliert, pfeift und singt, ein prächtiges buntes Wirrwarr aus Rede und Melodien füllt den Klangraum irgendwann völlig aus; manchmal schaukelt dazu ein schön entspannter Dub-Reggae-Rhythmus vor sich hin, manchmal werden die weichen Klänge auch durch scharf splitternde metallene Schläge bedrängt. Inzwischen ist es kurz vor fünf am Sonntag in der Berghain Kantine, und in der allmählich zu Ende gehenden Nacht sind wir einmal quer um den Erdball gereist; zu brasilianischen Rhythmen hat ein altgedienter Londoner Rapper – Riko Dan – in einem futuristischen Dialekt geschnaubt und gestottert; zu schwer verlangsamten und verhallten HipHop-Beats hat eine junge R’n’B-Sängerin aus New Orleans – 3D Na’Tee – elegante Stegreifmelodien intoniert. All dies und auch noch alles andere, was es in dieser Nacht an den unterschiedlichsten Ausprägungen des globalen Pop zu hören gab, wurde am Bühnenrand von drei emsig an ihren Geräten herumdrehenden Beatbastlern ineinander verhakt und verknittelt.

Füße, Hintern, Arme gegenläufig

Future Brown heißt dieses All-Star-Ensemble elektronischer Clubmusik-Produzenten, das in der Nacht zum Sonntag in der Berghain Kantine sein erstes Berlin-Konzert gab; gerade ist auch sein Debütalbum erschienen, wahrscheinlich die meistdiskutierte Platte der Saison. Post-globalisierte Musik! Post-Internet-Pop! Post-regionaler Dancefloor! So und so ähnlich lauten die Stichworte, unter denen die Musik von Future Brown firmiert. Richtig ist in jedem Fall, dass es so viel Eklektizismus wie auf dieser Platte selbst in der entgrenzten Welt der hier miteinander musizierenden Digital Natives bislang selten gegeben hat.

Daniel Pineda und Asma Maroof kommen aus Los Angeles und pflegten unter dem Namen Nguzunguzu bislang einen hysterisierten Techno mit Latin-Pop-artigen Grooves; J-Cush ist in New York mit rasend schnell verstolperten Footwork-Produktionen bekannt geworden, zu denen man – so die choreografische Regel des Genres – Füße, Hintern und Arme in gegenläufigen Rhythmen zu bewegen hat; Fatima al-Qadiri wiederum pendelt zwischen Kuwait und New York und hat im letzten Jahr ein vielbeachtetes Album unter dem Titel „Asiatisch“ herausgebracht, in dem sie sich mit westlichen Stereotypen „östlicher“ Musik befasste und beispielsweise rückwärtslaufende Peking-Oper-Samples mit Post-Dubstep-Beats kombinierte.

Zum Berliner Konzert kann al-Qadiri nicht kommen, sie hat ein schlimmes Knie und darf daher nicht verreisen. Als ich die Gruppe zwei Tage vor ihrem Auftritt zum Gespräch treffe, ist sie per Skype von ihrem Krankenlager in Kuwait zugeschaltet, was den geradezu surrealen Charakter der musikalischen Ortlosigkeit dieser Band noch einmal verstärkt. Deren Name, erläutert al-Qadiri aus dem arabischen Off, habe übrigens nichts mit Kot zu tun (wie ich zunächst dachte), sondern gehe auf einen pilzinduzierten Drogentrip zurück, den der befreundete Herausgeber der Internet-Kunst-Plattform „DIS Magazine“ in den Wäldern von Upstate New York erlebte. Dabei habe er eine in der Realität nicht vorkommende Schattierung von Braun gesehen, seither seien sie alle von dem Gedanken an diese Farbe besessen.

Freiheit von Gattungsbeschränkungen

Und zwar, ergänzt J-Cush, vor allem von den Versprechen der Unbestimmtheit und der Freiheit, die die Idee einer nicht-natürlichen Farbe berge; das sei doch toll, wenn ein Begriff im Bewusstsein jedes Menschen andere Assoziationen und Bilder erzeugt. Auch ansonsten ist „Freiheit“ in unserem Gespräch der meist gebrauchte Begriff: Es geht um die Freiheit von Gattungsbeschränkungen – keiner von den vieren kann die Frage nach einer ursprünglichen musikalischen Prägung in einem Satz beantworten, alle müssen sehr weit ausholen und sehr viele irgendwie ineinander fließende Stile zitieren –; und es geht um die Freiheit, mit so vielen unterschiedlichen Menschen gleichzeitig arbeiten zu dürfen wie auf dieser Platte. Nicht nur hat das Quartett jede Melodie, jeden Beat, jedes Stück gemeinsam erschaffen. Auch sind über ein Dutzend Gastsängerinnen und -sänger zu hören, von den beiden, die in Berlin auf der Bühne stehen, über die aufstrebende Hochgeschwindigkeitsrapperin Tink bis zu der in dieser Zeitung schon viel gelobten Kelela, deren Stimme im Konzert gelegentlich von der Festplatte in die Beats hineingesampelt wird.

Bei so viel Freiheit und Entgrenzung kann man sich manchmal wieder etwas Beschränktheit herbeiwünschen, die Kehrseite jedes Eklektizismus ist natürlich Beliebigkeit. Aber Future Brown gehören zu einer Generation, für die es kein Zurück vor den Eklektizismus mehr gibt, so tief hat sich die universale Verfügbarkeit aller nur denkbaren Stile in ihre künstlerischen Werdegänge gebrannt. Individualismus gibt es hier nur noch als Bewegung, als flow; aber diesen flow erzeugen Future Brown so geschmeidig und schön wie sonst keine andere Band zur Zeit.