Dunkle Wolken über Berlin. Es nieselt. Der Geruch von feuchter Erde liegt in der Luft. Viele in schwarz gekleidete Menschen pilgern am Montagabend zur Columbiahalle, Andrew Eldritch und seine Sisters of Mercy spielen.

Seit über 20 Jahren hat diese Band kein Album aufgenommen, die Fans bleiben diesen düsteren Rockern dennoch treu – und altern mit. Viele Frauen haben ihre schwarzen Haare mit Violettstich versehen, die Männer tragen meist schweres, schwarzes Schuhwerk mit Metallschnallen. Wieder andere sind mit langen Vampirponchos erschienen, einige mit Piercings an der Backe oder Nase, und ab und an haben wir auch Menschen mit extrem gepflegtem langem Haar gesichtet.

Mit ihrem Hit „More“ beginnen die Sisters (Hardcore Fans nennen sie so) den Abend.

In Diskotheken deutschlandweit war dazu einst ein besonderer Tanz üblich: Klemme beide Arme hinter den Rücken, kippe den Oberkörper nach vorne über, gehe ein paar Schritte nach vorne und danach ebenso viele Schritte zurück. In der Columbiahalle geht das nicht. Es ist voll und alle starren gebannt auf den von dichtem Nebel umwaberten, mittlerweile glatzköpfigen Gothic-Paten Eldritch – ein Etikett im übrigen, das ihm gegen seinen Willen angeheftet wurde, wie er immer und immer wieder betont. Neben ihm posen zwei Gitarristen (Ben Christo und Chris Catalyst). Weiter oben stehen drei Computer, hinter denen sich ein Mensch befindet, der den peitschenden Industrial Rhythmus, die gelegentlichen Keyboard-flächen und Bässe ansteuert: Eldritchs treuester Bandgefährte, Doktor Avalanche. Immer wieder verschwinden die Musiker im Nebel, und kommt dann ihr Einsatz, zack!, treten sie aus dem farbigen Dunst wieder hervor.

Aus den Tiefen des Gruftdufts

Es ist schön eine Stimme wiederzuerkennen. Und bei Andrew Eldritch ist das sehr einfach, da sein aus den Tiefen des Gruftdufts herausgezauberter Bariton unverkennbar ist. Die ersten Lieder plätschern aber leider nur vor sich hin, da ist keine Kraft dahinter – und das hat nicht nur mit der über weite Strecken zu leisen Abmischung zu tun. Es ist auch das Gitarristen-Gepose, das dem sehr kühlen und dunklen Rock die Energie nimmt. Es zieht die Schwere aus den Kompositionen, reduziert es auf bloße Simulation von Kraft.

Nur ein Mensch scheint tatsächlich sehr, sehr viel Energie und Durchhaltevermögen zu besitzen. Der aber ist im Publikum, nicht auf der Bühne. Auf seinen Schultern (oder sind es ihre Schultern, so genau konnte man das nicht erkennen) sitzt ein Mann – und zwar mit kurzen Pausen das ganze Konzert über! Dieser auf den Schultern sitzende Mann tanzt dabei mit seinem ganzen Oberkörper mit. So was muss man erstmal auf seinen Schultern aushalten!
Erst gegen Ende des Konzerts, nach mehreren „Lauter! Lauter!“-Rufen, entschließt sich der Mischer die Anlage aufzudrehen. Erst dann tut sich auch etwas im Publikum, sie bewegen zumindest ihre Köpfe. Alle Hits spielen sie, mit ihrem bekanntesten Lied Temple of Love verabschieden sie sich.