Sonntagabend, 19 Uhr, schweigend liegt die Großmetropole Berlin da. Viele sitzen zu Hause und ruhen sich aus. Je näher man jedoch der Max-Schmeling-Halle kommt, ändert sich dieses Bild: Menschen überall, gut gelaunt sind sie. Aus den U-Bahnhöfen schlendern Männer die Straße entlang, pilgern Richtung Halle, viele trinken und rauchen, einige rülpsen und lachen. Und Autos, viele Autos auf einmal, auf der Suche nach Parkplätzen. Auch Motorräder sieht man. Oder besser: Motörräder. Denn an diesem Tag spielt die legendäre Rock-Band Motörhead ein ausverkauftes Konzert, davor noch eine Kult-Punk-Band aus England, The Damned.

Und so sieht man am Eingang mehrheitlich Biker-Typen mit Lederjacke, aber auch den einen oder anderen Punk mit Iro, normal gekleidete Menschen sieht man ebenso und Frauen, die laute Musik mögen. Um 19.45 Uhr stürmen The Damned die Bühne, eine der ersten Punk-Bands überhaupt, bereits 1976 haben der Sänger und Dave Vanian und Gitarrist Captain Sensible die Formation gegründet. Lemmy, den Sänger von Motörhead kennen sie schon lange, denn er hat der Band mal aus der Patsche geholfen, zwei Konzerte 1978 für sie gespielt, als ihr Bassist ausgefallen ist. Es ist ein sehr schönes Konzert, The Damned spielen ihre rotzigen Lieder, aber auch ein paar Schmusenummern. Da weiß sich manch ein Motörhead-Fan, der nicht mit gefühlvollen Punkballaden gerechnet hatte, nicht anders zu helfen, als den Stinkefinger in die Luft zu strecken und zu brüllen: „Wassollndasey!“

Mit Hut und Fibrom

„Hello Berlin! We are Motörhead! And we play Rock n Roll“ heißt es dann um 21.10 Uhr. Die Halle tobt, Bierbecher fliegen umher. Auf diese heisere, raue Stimme haben alle gewartet. Die Hänflinge mit langen Haaren in Kutten. Aber auch die fettleibigen Menschen mit den großen Pranken. Pfarrerssohn Lemmy Kilmister steht dann da, in Schwarz gekleidet, mit Hut auf, langem Haar darunter, Schnur- und Backenbart zieren sein Gesicht und auch sein Markenzeichen – die Fibrome, die fälschlicherweise oftmals als Warzen bezeichnet werden, aber gut. Seine in einer eng anliegenden Jeans eingehüllten, dürren Salzstangen-Beine verschwinden am unteren Ende in Westernstiefeln, er hat kaum Arsch in der Hose. Dieser Mensch wird am 24. Dezember 69 Jahre alt! Jetzt steht der da und schreit himmelwärts ins Mikro, spielt den vielleicht lautesten Bass der Welt, die Saiten lässt er schnarren, er wirkt viel jünger so.

Begleitet wird er von dem Gitarristen Phil „Wizzö“ Campbell und dem austrainierten Drummer Mikkey Dee. Dazu muss man sagen: Dee beweist, dass nicht jeder Drummer aus Skandinavien so stillos spielen muss wie Lars Ulrich, der Drummer von Metallica. In dem sicherlich 5 Minuten andauernden Drumsolo, das Mikkey Dee gegen Ende spielt, drischt er so präzise, wie auch immer wieder überraschend den Takt verschiebend, in die Trommel ein, dass es den ganzen Saal begeistert. „Ace of Spades“ spielen sie kurz vor Ende, Lemmy, der voriges Jahr noch krank war, wirkt fit, seine Stimme ist immer noch da, sein Spiel rotziger denn je. Ein toller Abend für Rock-Fans war das. Bis nächstes Jahr!