Madonna! Ja, Madonna! Die Madonna! Madonna-Madonna. Madonna-»Ich habe Titten und einen Arsch«-Madonna, genau, sie sagt es ja selber, in aller Öffentlichkeit, genau diese Madonna war wieder in der Stadt! Und direkt hinter der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof, zwischen LKWs und Kutschen für die mitreisenden Vasallen versteckt, parkte ihr gemieteter Rolls-Royce und hatte während der ganzen, mehr als zwei Stunden andauernden Revue tatsächlich das Standlicht angeschaltet. Reisebusse aus Holland und Polen, der Uckermark und der Pfalz säumten das Areal, an zwei Tagen sollten nun mehr als 20.000 Menschen die selbst-titulierte "Queen of Pop" sehen.

Den Abend eröffnet eine Ansage vom Band, die sich darüber beschwert, dass "Kreativität unter dem Einfluss von Marken" leidet. Eine besonders an diesem Ort hier nicht uninteressante Aussage. Dass Madonna die Königin des Pop war, ist oder zumindest heute immer noch sein will macht sie, Madonna, mehrfach eindeutig klar. Sie behandelt ihre Tänzer und Tänzerinnen schlecht, die jungen Frauen und Männer müssen sich der Sängerin immer wieder zu Füßen werfen, mit fiesen Absätzen erprobt sie die Standfestigkeit der Körper ihrer Untertanen.

Als Chefin einer rasch aufgebauten Autowerkstatt fordert sie in einem der neuen Stücke, "Body Shop", mit versteinerter Miene die männlichen Mitarbeiter auf, ihre Bauchmuskeln zu zeigen. Einer nach dem anderen zieht das T-Shirt hoch: das Publikum johlt. Das war wirklich gute Werbung für ihre Fitnesscenter-Kette "Hard Candy", der man auch in Berlin beitreten kann und die sich mit einem kleinen Wagen vor der Halle präsentiert. In Fahrt kommt die atemlose Nummernrevue, deren Erscheinungsbild zwischen der US-amerikanischen TV-Serie "Game of Thrones", Prinz Eisenherz, Stierkampf, H.R. Gigers "Alien", dem Berghain, da Vincis "Abendmahl", Fritz Langs "Metropolis"-Kulissen, dem Cirque du Soleil oder dem Ruhrpott changiert – hier werden Ketten, Öl und auch Blut (oder Ketchup) noch groß geschrieben – immer dann erst, wenn Madonna ihre älteren Hits spielt.

Doch leider werden viele der großartigen Stücke in einem vermeintlich modernen Gewand von der aus zwei Keyboardern, zwei zugegeben formidablen Background-Sängerinnen, einem Gitarristen und einem Schlagzeuger bestehenden Band im Rahmen eines Medleys präsentiert und nach kurzer Zeit wieder zum Erliegen gebracht. Oder sie werden, wie das an sich grandiose "Vogue", mit schnellen Beats unterlegt und verpuffen in Sekundenschnelle.

Genial sind allerdings immer wieder die Momente in denen die Sängerin sich ihrer eigenen Songs bemächtigt und sie solo vorträgt: "True Blue", allein mit Ukulele vorgetragen, und die unglaubliche Performance von "Like A Virgin", ebenfalls solo auf der Bühne – die mehr als zwanzig Tänzerinnen und Tänzer ziehen sich gerade um –, befreit von dem engen Korsett der minutiös durchgestalteten Show: jede Diskothek dieses Planeten käme zum Erliegen, wenn solch eine Frau den Dancefloor einnähme.

Bizarre Aufrufe und der "schwarze" Bond

Madonnas Veröffentlichungen der mindestens letzten zehn Jahre taugen wenig. Besonders ihr letztes Album, von der Kritik, auch in dieser Zeitung, hoch gelobt, wird in der öffentlichen Aufführung zu einer willkürlich aneinander gereihten Kette von kleinen, schnell vorüber ziehenden Momenten und banalen Slogans. Richtig merkwürdig wird es dann nochmal, als Madonna in das große Rund hinein fragt, ob jemand sie heiraten möge.

Es melden sich einige Tausend Menschen. Madonna konzentriert sich auf einen jungen, groß gewachsenen, wirklich sehr hübschen Mann. Sie lobt seine Körpergröße und seine langen Arme. Und herrscht ihn an: Ob er Bescheid wisse, auf was er sich einließe? Sie hätte schließlich schon zwei Ehen hinter sich, sie sei eine Ehe-Veteranin, aber an die Liebe glaube sie noch immer, sonst würde sie das alles hier ja nicht machen.

Und weiter geht’s mit einem bizarren Aufruf zum Nichtrauchen: Madonna räkelt sich Sekunden nach der verkappten Eheanbahnung auf einem Podest und lässt sich von zwei ihrer Tänzer umgarnen. "Was habt Ihr für mich?" Einer der beiden Männer bietet ihr eine Zigarette an. "Igitt! Eine Zigarette? Rauchen tötet!" Und weiter zum nächsten Lied.

Zum Ende des Abends betritt noch einmal der arme Idris Elba die Bühne. Idris Elba wird immer mal wieder als der zukünftige "schwarze" Bond gehandelt. Bond, genau: James Bond! In der Figur des "Stringer Bell" zeichnet er in "The Wire" für eine der imposantesten Serien-Figuren der letzten Jahre verantwortlich. Als Aufwärm-Discjockey durfte er vor Beginn des Auftritts der Königin mit CD-Playern Tanzmusik spielen, für seine einigermaßen anständige Überraschungs-Tanz-Darbietung wird er von Madonna kurze vor Ende des bunten Abends als "dreiste Hure", "bitch" scheint dieses Tage ihr Lieblingswort zu sein, mit einer Banane ausgezeichnet.

Elba fragt die Chefin, ob er die Banane doch lieber bitte ins Publikum werfen dürfe? Die Chefin macht sich über ihn lustig, er könne gerne nach Konzertende sich den wartenden Fans stellen und diverse Bananen verteilen, hinter der Bühne gäbe es schließlich noch wesentlich mehr. Elba wirft die Banane trotzdem und verschwindet durch eine Bodenplatte in die Katakomben. »"Jetzt hören wir aber mal auf mit dem Quatsch", sagt Madonna. "Ich habe hier noch eine Show zu beenden".