Konzert in der O2-World Berlin: Helene Fischer treibt Sport im SM-Paradies

Berlin - Zu einem überaus interessanten musikalischen Potpourri aus christlichem Emocore, retrofuturistischem Roboterpop nach Düsseldorf-Art, ibizenkischem Schranztechno und traditioneller deutscher Stimmungsmusik mit geraden Metren ist es am Mittwochabend in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof gekommen: Hier gab die megaeklektische Multimediakünstlerin Helene Fischer das erste von drei ausverkauften Berliner Konzerten.

Kurz nach acht betrat der sympathische Superstar aus Krasnojarsk erstmals die Bühne und sang unter allgemeinem Jubel das Lied „Unser Tag“, das davon handelt, das zwei Menschen, die sich sehr gerne mögen, einen sehr schönen Tag miteinander verbringen. Zu Beginn des Konzerts trug Helene Fischer eine pobetonende Samtschlaghose in Sauerkirschrot sowie weiter oben eine teiltransparente Netzbluse, unter der kein Büstenhalter zu erkennen war; ihre beiden Brüste hatte die Künstlerin stattdessen durch eine Applikation aus blutrot gefärbten Hahnenfedern kaschiert.

Begleitet wurde sie von einer umfangreich besetzten Band mit diversen Gitarristen, Schlagzeugern, Violinistinnen und Bläsern sowie einigen Chorsängerinnen, einem Sänger und sehr vielen Tänzern und Tänzerinnen. Zum vollen Einsatz gelangte das Ensemble erstmals in dem dritten Stück des Abends, „Fehlerfrei“, das nach den ersten von Helene Fischer gesungenen Strophen von einem unrasierten Mann mit einer Basecap unterbrochen wurde, der im Sitzen „Sexy Back“ von Justin Timberlake intonierte sowie später im Stehen „Get Lucky“ von Daft Punk.

Sado-Maso im Paradies

Zu dem vierten Stück des Abends, „Mitten im Paradies“, zog Helene Fischer sich zum ersten Mal um. Statt der Samtschlaghose trug sie nun ein knappes schwarzes Sporthöschen, während ihre Tänzer in Boxershorts und mit bloßem Oberkörper um sie herumhüpften; das Paradies scheint sich Helene Fischer als niemals endenden Fitnesskurs mit halbnackten Männern zu imaginieren.

Zu dem fünften Stück „In diesen Nächten“ wählte sie dann eine elegantere Garderobe. Über das knappe schwarze Sporthöschen zog sie einen ausgesprochen gut aussehenden, allerdings auch sehr engen Lederrock mit einem langen Reißverschluss am linken Vorderbein. Das Dunkelbraun des Lederrocks erinnerte an die Farbe eines sehr alten englischen Sofas; er war dabei dermaßen eng, dass Helene Fischer nun nicht mehr besonders gut gehen konnte und im folgenden Verlauf zumeist auf einem Laufband über die Bühne bewegt werden musste.

Vor der Bühne ragte ein runder Steg in das Publikum, in dessen Innenraum einige hundert fast durchweg weiß gekleidete Zuhörer standen. Nach dem Stück „In diesen Nächten“ freute sich Helene Fischer in einer längeren Moderation darüber, dass diese Zuhörer für ihre Plätze besonders hohe Preise gezahlt hatten und außerdem fast alle der für diesen Hallenbereich vorgeschriebenen Farbordnung gefolgt waren.

„Und warum das Ganze?“ fragte sie sich rhetorisch und antwortete: „Wir wollen Euch für die Show benutzen!“ Woraufhin aus der weiß gekleideten Menge jemand „Juhu“ rief, was Helene Fischer sehr freute: „Oh, du da vorn, du wirst wohl gerne benutzt, was? Ich sage ,benutzen‘, du sagst: ,Juhu‘!“

Zwergenmädchen aus Anti-Materie

Sadomasochistische Untertöne wie diese zogen sich ebenso durch die gesamte Show wie eine ausgiebig variierte Natur- und Jahreszeiten-Motivik. Das Konzert war in vier Teile gegliedert, Herbst, Winter, Frühling und Sommer. Im Herbst-Teil beherrschten blattlose verkrüppelte Bäume die Bühne mit einem giftgrünen Himmel dahinter, über den weiße Lichtpunkte flatterten wie die Geister von frisch Verstorbenen.

Auf das siebte Stück „Nur wer den Wahnsinn liebt“ folgte eine Art Barockmusikintermezzo, in dem sich ein E-Gitarrist und eine Analog-Geigerin von den entgegengesetzten Bühnenrändern aus mit immer schnelleren Soli duellierten, bis sie sich am Schluss in der Mitte der Bühne wieder miteinander versöhnten.

Das aus dem gleichlautend betitelten Walt-Disney-Film bekannte Stück „Die Eiskönigin“ sang Helene Fischer in einem schwarzen Kleid mit weißem Glitter darauf und einem weißen Umhang mit Halskrause darüber. Für das folgende „Vergeben, vergessen und wieder vertrau’n“ warf sie den Umhang ab und ließ sich von einem weiß bepuderten gemischtgeschlechtlichen Paar auf sehr hohen Stelzen umtanzen. Gegen diese beiden wirkte sie in ihrem glitzernden schwarzen Kleid nun sehr klein, wie ein Zwergenmädchen aus Anti-Materie.

Mit dem Blechvogel in die Luft

Mithin hatte das Programm den Winter erreicht; nach einer vom Publikum ausgiebig genutzten Zigarettenpause folgten Frühling und Sommer. Der zweite Teil des Abends wurde mit einem Medley eröffnet, in dem Helene Fischer unter anderem „Jump“ von Van Halen und „Purple Rain“ von Prince interpretierte; zuvor hatte sie schon „Bring Me To Life“ von Evanescence gecovert, wozu ihre mit weißen Irokesenperücken geschmückten Tänzer versuchten, aus Zahnarztstühlen ein Türmchen zu bauen.

Zum Frühlingsbeginn schlüpfte Fischer in einen schlammfarbenen Einteiler mit einer orangenen Federapplikation aus einer pinkfarbenen Riesentulpe, wobei sich die Feder- und Tulpenfarbe ein wenig bissen. Der das Konzert beschließende Sommerteil gipfelte im Auftritt einer gewaltigen Gans aus gülden befunzeltem Blech, an deren Schnabel sich Helene Fischer zunächst ausgiebig schubberte. Alsdann flog sie auf dem Rücken des Tiers durch die Halle und wieder zurück und interpretierte hoch über den Köpfen der Hörer „My Heart Will Go On“ von Celine Dion.

Über drei Stunden lang sang und tanzte sich die Künstlerin dergestalt durch ihr Repertoire und eine kunstvoll ineinander verknittelte Auswahl von garantiert nicht zueinanderpassenden Cover-Versionen. In der Zugabe war dann auch noch ihr größter Hit zu hören, „Atemlos durch die Nacht“ – erst als Akustikballade, dann zur Freude besonders der älteren Besucher in der krassen Dancefloor-Version. Im Juli 2015 gedenkt Helene Fischer mit dem gleichen Programm gleich zwei Mal im Olympiastadion aufzutreten.