Rhythmisch recken sich in der Sonnabendnacht die Fäuste von 13000 Fans in die Luft zum vielstimmigen Oh-Oh-Ohh-Choral aus Peter Gabriels Hymne an Steven Biko; die Atmosphäre in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof ist von Shownebel und verbrauchter Atemluft geschwängert.

Der Song bildet den Abschluss eines großartigen Konzerts, in dem Peter Gabriel sein erfolgreichstes Album „So“ nach mehr als 26 Jahren in der „Back to Front“-Tour in Berlin wieder auf die Bühne bringt – aber auch viele andere Hits aus seiner langen Karriere: wie dieses 1980 entstandene Lied für den südafrikanischen Freiheitskämpfer.

Auf Deutsch kündigt Gabriel zu Konzertbeginn ein musikalisches Drei-Gänge-Menü an, zu dem es „So“ als Dessert geben solle. Zunächst serviert er am Klavier nach einem kurzen, aber überaus ansprechenden Intro seiner beiden schwedischen Sängerinnen Jennie Abrahamson und Linnea Olsson – nur in Begleitung des Bassisten Tony Levin – bei eingeschaltetem Saallicht sein neustes Werk, das noch ohne Titel dem Publikum als „Amuse Gueule“, „Gruß aus der Küche“, serviert wird.

Originalbesetzung von 1986

Danach gesellen sich der Gitarrist David Rhodes, der Drummer Manu Katché sowie Keyboarder David Sancious hinzu. Das ist die Originalbesetzung, mit der „So“ 1986 eingespielt wurde, wie Gabriel bei der Vorstellung des Teams betont. Mit den älteren Stücken „Shock the Monkey“ und „Family Snapshop“ gewinnt die Inszenierung zunehmend an Fahrt, und das nun erlöschende Saallicht gewährt einem bemerkenswerten Klang- und Lichtspektakel Raum und Zeit.

Der schlummernde „Bühnengockel“ (Gabriel über Gabriel) ist erwacht. Wie Marionetten aus Stahl umkreisen ihn die Bühnenkräne, deren Enden mit multiplen Scheinwerfer- und Kameraköpfen ausgestattet sind. Eine mehrfach unterteilte Projektionswand reflektiert digital verfremdet das Konzertgeschehen, unterbrochen nur von kaleidoskopartigen Mustern, die bei dem Eröffnungsstück des „So“-Albums, „Red Rain“, schließlich als blutroter Lichtregen auf die Bühne niederprasseln.

Das Timbre einer unverwechselbaren Stimme

Es ist bemerkenswert, wie der inzwischen 63 Jahre alte Mann diesen Marathon absolviert. Schließlich fordert Peter Gabriel von seinen Stimmbändern über 120 Minuten lang Leistung, und bei dem gekrächzten Dank ans Publikum nach „Solsbury Hill“ will er einem fast leid tun. Doch zu Unrecht, denn ohne große Unterbrechung setzt er „So“ dann sogleich im typischen Timbre seiner unverwechselbaren Stimme fort.

Selbst „Sledgehammer“ wird noch mit Bravour gemeistert, auch wenn hier der letzte Druck des Originals fehlt – was nicht nur an den Bläsersätzen aus dem Computer gelegen haben mag. Aber es wäre sicher vermessen, das gesamte Album „So“ nach einem 60 Minuten dauernden Vorspiel in der gleichen Dynamik wie eine Studioeinspielung zu erwarten.

Bei „Don’t Give Up“ kann sich die bezaubernde Jennie Abrahamson getrost mit der im Original singenden Kate Bush messen. Höhepunkt des Abends aber ist „In Your Eyes“, bei dem alle noch einmal brillieren dürfen.

Stehende Ovationen des Publikums sind der Dank dafür, sie bringen das Team noch einmal zurück auf die Bühne. Peter Gabriel verabschiedet seine Fans erneut auf Deutsch und hält, bevor er den Abend dann mit „Biko“ beschließt, eine Rede über diese „wundersamen kleinen Dinge in unseren Händen“, die es uns ermöglichen, mit jedem in der Welt zu kommunizieren und damit Zeugnis über Unrecht und die Verletzung der Menschenrechte abzulegen. 1977 hatte Stephen Bantu Biko diese Möglichkeiten nicht. Es kostete ihn das Leben. Sein Gesicht verblasst mit den letzten Takten auf den Drums von Manu Katché.