Elvis ist schuld. Wer sonst? In der Mitte des Konzerts, auf seinem Höhepunkt, erzählt Nick Cave von „Tupelo“, von der Nacht, in der Elvis, der King, geboren wurde. Auf der Leinwand tobt ein schwarz-weißer Donnersturm, der Palmen biegt, Fluten bringt, die Holzhütten zittern lässt, und vorne grätscht Nick Cave im schwarzen Anzug herum und beschwört Tod und Teufel, während seine Bad Seeds den schweren Bluesrock-Beat in den Boden rammen. „Oh God, help Tupelo!“ heult er den Refrain unter schwerem Bandbrausen und besiegelt das Schicksal der Stadt in Mississippi, die den König des Rock ’n’ Roll geboren hat.

Auch das Schicksal seiner Zuhörer in der Waldbühne war in diesem Moment, der sich immerhin aus einem 33 Jahre alten Song erhob, längst entschieden. Dabei konnte man durchaus befürchten, eine Freilichtarena mit 17.000 Leuten sei vielleicht doch eine zu große Herausforderung für den Meister der Gothpunk-Ballade. Cave selbst staunte ehrfürchtig: „So viele Leute – es ist beängstigend – und dann ist es auch noch so verdammt hell!“

Der Tag gehört nicht zu den natürlichen Verbündeten von Caves Musik. Ob alttestamentarischer Furor oder letztgültige Untröstlichkeit – es sind Gefühle, die man leichter im Schutz der Nacht erträgt als in der Sonne eines lauen Sommerabends. Aber Nick Cave hat mit 60 Jahren und im gefühlt dritten Künstlerfrühling eine derart eindrückliche Präsenz, ein solches Charisma gefunden, dass er mit einem kurzen dunklen Grollen oder einer einzigen wischenden Handbewegung das Licht löschen kann.

Er sucht die Nähe zum Publikum

„With my voice/ I’m calling you“ flüstert er uns zu Beginn ins Ohr, das Mantra von „Jesus Alone“, einer Litanei der Vergeblichkeit vom letzten Album „Skeleton Tree“, und mit jeder Schlaufe klingt er ein bisschen dringlicher, klagender, endgültiger – bis er die Nacht gleichsam herbeigesungen hat: „Let us sit together until the moment comes.“

So gemeinsam wie diesen Abend dürfte aber noch nie jemand ein Konzert mit Cave verbracht haben. Er konnte das schon immer gut, sich allein durch die Intensität als Gravitationszentrum zu behaupten. Man schaut ihm nicht zu, man folgt ihm nicht. Man ist bei ihm. Aber wie er sich an diesem Abend förmlich auf sein Publikum stürzt, das hat noch einmal eine ganz andere, unerwartete Qualität. Vor der Bühne hat er sich einen kleinen Steg legen lassen, den er über einen kleinen Abstieg ohne Stufen erreicht.

Er gleitet gewissermaßen von der Band hinab vors Volk, und läuft dann nach links und rechts, als wate er durch wehende Armhalme. Für einige Stücke bittet er die Leute um Mithilfe beim Gesang, „das könnte richtig schön sein, vielleicht“, sagt er dann. Für „Weeping Song“, den er minutenlang extemporiert, abbricht, wieder aufgreift, läuft er zu einer winzigen Bühneninsel im Stehpublikum und genießt das gemeinsame Schluchzen mit vielen Tausend Stimmen. Er sucht die Nähe und spricht die Menschen direkt an, er bricht seine Rolle mit kleinen Scherzen oder singt jemandem mal eine freundlich ironische Zeile über sein „shitty little phone“ ins Gesicht.

„fucking Teufel“

Am Schluss bringt er aus dem Bad in der Menge ungefähr 50 Leute mit, die er vor den Bad Seeds auf die Bühne setzt, während er eins tiefer auf seinem Steg unter Hochspannung hin und her tigert – ein ganz großes, herzwärmendes Bild, das gleichzeitig auf die Leinwand projeziert wird. Das Repertoire hat Nick Cave quer durch die Karriere zusammengestellt, knapp 35 Jahre in zweieinhalb Stunden, vom Intensitätsklassiker „From Her to Eternity“ über das hysterisch gejammte, sumpfige „Stagger Lee“ aus seiner Mordballaden-Zeit bis zu den jüngsten Liedern aus der Nacht der Seele.

Auf der Bühne werden sie von seiner wunderbaren Band und ihrem Leaderzausel Warren Ellis zusammengehalten. Im Inneren, als Werk und auch in diesem fantastischen Konzert, leben sie von seiner fiebrigen Energie, von der Maßlosigkeit, mit der er gegen den Erbfluch ansingt, mit Gott hadert und dem „fucking Teufel“, wie er einmal auf deutsch erklärt – von der Rückhaltlosigkeit, mit der er sich nach Gnade und Erlösung sehnt.