Verfügt laut Barrie Kosky über eine der sensationellsten Stimmen der Welt: Katharine Mehrling.
Foto: Andrea Peller

BerlinDie Bühne ist schwarz, als Katharine Mehrling und Barrie Kosky sie betreten. Die ersten Töne vom Steinway erklingen in dieser Dunkelheit. „The night for me is not romantic, unhook the stars and take them down“, singt  diese unglaubliche Stimme, die der Intendant der Komischen Oper später eine der sensationellsten der Welt nennen wird. Man möchte ihm drei Mal Recht geben.

Es ist ein dramatischer Beginn für diesen Abend mit Liedern, die Kurt Weill in Paris und später in New York geschrieben hat. Und um es gleich zu sagen: Er ist ein Geschenk und eine Entdeckung. Ja, denn Kurt Weill hatte ein – hierzulande leider weitgehend unbekanntes – Leben, nachdem er aus Berlin vor den Nazis geflohen war. Ein Leben nach Brecht. In dieser Hinsicht betreiben Mehrling und Kosky Musikarchäologie.  Und Weill war sogar höchst erfolgreich im Exil. Seine Musik veränderte sich dort, aber nicht, weil dieser Komponist  sich so gut anpassen konnte, sondern weil er das Gespür hatte,  sie unter den Einflüssen des jeweiligen Landes  neu zu denken. „Youkali“ aus dem Musikspiel „Marie Galante“ wurde mit seiner Vorstellung eines Landes der Wünsche und der Hoffnung sogar zur heimlichen Hymne der Résistance.  

Dreckig an den richtigen Stellen

„Lonely House“, „September Song“, „Je ne t’aime pas“ – alle Lieder stammen aus Opern oder Broadway-Musicals wie „Lady in the dark“ (1941) und funktionieren doch für sich selbst. Und  bessere Interpreten als Katharine Mehrling und Barrie Kosky kann man sich dafür  nicht denken. Der Intendant nimmt  eine dienende Rolle ein, der helle Scheinwerfer ist auf Katharine Mehrling gerichtet, die in einem bodenlangen Samtkleid mit blutroten Lippen die Lieder mit ihrer starken, an den richtigen Stellen leicht heiseren, manchmal dreckigen, manchmal flüsternden Stimme nicht nur vorträgt, sondern performt – am wildesten bei dem verrückt-ironischen „Tschaikowsky and Other Russians“, das allein schon deshalb eine Herausforderung ist, weil dabei fünfzig russisch klingende Komponistennamen in einem rasanten Stakkato vorgetragen werden müssen. Wie Katharine Mehrling dabei auf(!) dem Flügel zum Pianisten robbt, sich schlängelt, wälzt und schließlich kniet ist umwerfend. Und Barrie Kosky spielt unter Einsatz seines gesamten Körpers, der sich hebt, beugt, senkt, er spricht stumm den Text mit, auf Aufforderung scattet er sogar.

Musikalische Prägung in der Synagoge

Die beiden beherrschen auch das Sehnsuchtsvolle, Melancholische, am eindrucksvollsten vielleicht bei „Speak Low“ aus dem Musical „One Touch of Venus“, ein Song, der zu einem Standardstück des Jazz geworden ist. Oder bei „Train du Ciel“, Himmelszug aus dem Jahr 1933, dessen Titel einem auf schmerzhafte Weise prophetisch erscheint.

Der Intendant der Komischen Oper Barrie Kosky fungierte an diesem Abend als begleitender Pianist.
Foto: Jan Windszus

Kurz bevor der Abend endet, tritt Barrie Kosky aus seiner Rolle als begleitender Pianist heraus und erzählt, dass dieser die Musik des 20. Jahrhunderts verändernde „Radikalkomponist“ Kurt Weill Sohn eines Kantors gewesen sei, der seinen Vater immer in die Synagoge begleitet habe. Diese musikalische Prägung sei in seinen Liedern hörbar.  

Ob noch Zeit ist, ein ganzes Weill’sches Broadway-Musical auf die Bühne der Komischen Oper zu bringen, bevor Barrie Kosky 2022 seine Intendanz dort beendet?

Lonely House wieder am 19.1., 18 Uhr