Mancher mochte es mit Stephin Merritt ein bisschen bedauerlich finden, dass die Kanzel der Passionskirche für den Chef der Magnetic Fields tabu bleiben musste. Kurz, dick, bärtig, schwul hätten sich seine selbstironischen bis boshaften Ansagen sicher schick gemacht. Nachdenkliches über jüdische Zimmermänner und die Modernität des Lendenschurzes hätte, wie auch der kokette Wurf des Lieblingsschals ins Publikum, wohl noch an Dramatik gewonnen.

Allerdings konnte Merritt sich am Montagabend auch recht gut behelfen, indem er beide Hände auf sein luftbetriebenes altertümliches Harmonium stützte und, den Blick ins Songbook auf dem Notenständer richtend, Besinnliches zu den Wegen und Umwegen der Liebe sang – in einer Stimme immerhin, die er selbst als die tiefste der gesamten Popmusik bezeichnet.

Dabei stellte er schnell klar, dass er seine Effekte in Charisma und Kunst suche – anders als zum Beispiel Rufus Wainwright, mit dem er, so Merritt, sich ja in einer Art Passionskirchenauftrittskonkurrenz befinde. Wainwright sei jung, hübsch und trete nackt mit Engelsflügeln auf, und er raube den Magnetic Fields das ganze schwule Publikum, weil er stets zeitgleich mit ihnen neue Alben veröffentliche.

Nun bräuchte sich Merritt angesichts des eher mäßigen aktuellen Wainwright-Werks ja gar nicht so große Sorgen zu machen. Auch zeigt sein eigenes neues Album „Love At the Bottom of the Sea“ einmal wieder, dass es wohl nicht viele Songwriter im weiteren Indie-Umfeld gibt, die so gewandt texten wie er. Ganz wunderbar führt Merritt den Wechsel der Gefühle von höchster Seelenpein zu grimmiger Gemeinheit und lächerlichster Peinlichkeit in knappen Zeilen zusammen. Dazu fallen ihm hübsche Melodien in offenbar endloser Fülle ein, die in verschiedenen Country- und Folkgewändern daherkommen, aber vor allem auf einer modernisierten Musicaltradition beruhen.

„Es folgt eine sadistische Rachefantasie“, kündigt die robuste Pianistin Claudia Gonson etwa das von ihr gesungene Stück „Your Girlfriend’s Face“ an, in dem die emotional verletzte Ich-Erzählerin einen Auftragskiller auf ihre Ex hetzt, der seine Arbeit wiederum zunächst am Gesicht der neuen Freundin beginnt. Ein schönes Beispiel gibt auch die tragische Liebesgeschichte „Andrew in Drag“, dessen Protagonist sich in einen Herrn verliebt, der als Partygag in Frauenkleidern kommt: „A shame he’s not a fag“, singt er, „the only girl I’ll ever love is Andrew in drag“.

Nach drei Alben ohne Synthesizereinsatz nutzen die Magnetic Fields auf dem neuen das elektronische Instrument wieder in diversen Varianten und Programmierungen. An den großen Wurf „69 Lovesongs“ von 1999, an dessen Instrumentierung es erinnert, reicht „Love At the Bottom of the Sea“ allerdings nicht heran. Live hält die Band den Auftritt wiederum akustisch, mit Gitarre, Flügel, Cello und achtsaitiger Ukulele. Vielleicht hätte eine gewisse instrumentale Abwechslung verhindert, dass man im Fluss der Songs ein wachsendes Problem der Magnetic Fields, die ja immerhin seit Anfang der Neunziger in Betrieb sind, deutlicher zu erkennen meinte: Die Suche nach der stets unerwarteten, originellen Wendung wirkte mitunter selbst etwas zwanghaft und schematisch – eine Art Adam-Green-isierung des Ganzen, an deren Ende eine Popmusik-die-auch-Roger-Willemsen-gut-findet stehen könnte.

Da kontrastiert dann jedem gut gelaunten Text eine traurige Melodie, jedes fröhlich geschrummelte Countrystück steckt voll ätzendem Überdruss, jeder schlicht gestrickte Song muss mit cleveren Vorzeigereimen aufgepolstert werden, und noch die basswärts trudelnde Stimme kriegt einen ironischen Schubser in den Keller mit.

Natürlich war es auch diesmal im Ganzen wieder ein unterhaltsames und kluges Konzert. Aber obwohl die Stufen zur Kanzel verstellt waren, hatte man doch zu oft den Eindruck, dass Merritt sich seiner Wirkung so unironisch sicher fühlte wie der Pfarrer in der Kirche.