Berlin - Seit 40 Jahren beschäftigt sich die vielleicht populärste Dunkel-Wave-Band dieses Planeten, The Cure, überwiegend mit Themen wie diesen: dem quälenden Zustand niederdrückender Trauer, der Hoffnungslosigkeit  aufgrund unerwiderter Liebe, der Wut gegenüber der kaputten,  gefühlslosen Welt, dem Zustand, dieser ausweglos ausgeliefert zu sein.

Trotz  der schweren Kost gelingt es den Briten schon seit dem Jahre 1976, von Beginn ihrer Karriere an, immer wieder ihre Zuhörer in Glückszustände zu versetzen. So auch am  Dienstagabend bei ihrem Konzert in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof: Etwa 18 000 Menschen jubelten, viele hatten nach dem Konzert ein Grinsen im Gesicht, und wenn sie sich auf dem Nachhauseweg darüber unterhielten, dass bei diesem oder jenen Lied eine Träne gekullert sei, dann war damit eher ein Moment von Seligkeit gemeint − nichts, was schwer erträglich wäre. 

Als sich  nach dem gut zweieinhalbstündigen  Konzert beispielsweise zwei Freunde  draußen vor der Halle trafen, sagten sie nicht einfach so: Mensch, war das ein gutes Konzert, nein, sie nahmen sich dabei in den Arm und klopften sich auf die Schulter.

Fragen über Fragen

Wie ist so etwas möglich? Wie kann eine  Band  von eigentlich überhaupt nicht angenehmen Gefühlen wie Liebeskummer, Todessehnsuch und Weltekel singen − und wetterbedingt von  Orientierungsschwierigkeiten auf diesem verregneten Planeten − und dennoch die Menschen in Euphorie-ähnliche Zustände versetzen?

The Cure machten das so: Gegen 20.40 Uhr betraten die fünf Musiker vor ausverkaufter Halle im Strobo-Gewitter die vernebelte Bühne.  Dazu flackerte es blau und rot  (Blau für die Nacht, Rot für das Blut?). Das Publikum, Menschen zwischen 35 und 60 Jahren, schrie vor Freude, alle applaudierten. Die Band eröffnete mit dem ersten Lied des 1984 erschienen Albums „The Top“, „Shake Dog Shake“, ein Albtraum-Lied über, man kann es sich schon denken,  den Tod,  Blut und Schmerz und das Animalische im Menschen.

Sehr traurig mitanzusehen

Der  Chef der Band, Sänger und Gitarrist Robert Smith, trug wie so oft schwarze Kleidung, sein Gesicht war  weiß gepudert, die Lippen rot, die Augen mit dickem Kajalstift schwarz umrandet; seine schwarzgrauen und mittlerweile ziemlich dünnen Haare waren − für ihn typisch − nach hinten, nach oben, gleichzeitig aber auch zu allen Seiten zerzaust gekämmt.   Der inzwischen 57-jährige Engländer sang mit seiner oftmals klaren, manchmal brüchigen, manchmal aufheulenden Stimme insgesamt 33  Lieder aus der 40 Jahre alten Bandgeschichte.

Viele Menschen auf den Oberrängen sprangen zum ersten Mal bei dem achten Lied „In Between Days“ aus ihren Stühlen auf, sie tanzten, sangen laut mit und freuten sich. Bei dem  Welthit „Friday I’m in Love“ sprangen dann noch mehr Menschen  auf. Dieses Verhalten wiederum gefiel nicht jedem: Einer ermahnte seinen vor ihm sitzenden Nachbarn, sich gefälligst wieder hinzusetzen, und zwar sofort, Sitzplätze seien, wie der Name schon sagt, zum Sitzen da. Weil er sich dabei aufbaute und  böse dreinschaute, setzte sich der Vordermann  hin, tanzte daraufhin sitzend mit dem Einsatz des ganzen Oberkörpers weiter, schaute aber immer mal wieder böse   zurück. Das war alles sehr traurig mitanzusehen.

Hoffnungsschimmer

Danach  spielten sie „Boys Don’t Cry“, man hatte irgendwie das Gefühl, dass sich die Band die größten Welthits  schnell vom Leibe spielen will. Um dann als 18. Lied endlich den düstersten Song aus dem Repertoire zu spielen, „One Hundred Years“, aus dem Jahre 1981, begleitet durch eine Projektion voller schrecklicher Bilder des Zweiten Weltkriegs: Leichenberge, Panzer, kaputte Städte, Nazis.

Smith singt „it doesn’t matter if we all die“, das Schlagzeug (Jason Cooper) peitscht nach vorn, die  Gitarrenakkorde (Reeves Gabrels) beißen, der Bass – gespielt von Simon Gallup, der bereits  seit 1978 immer mal wieder Bestandteil der Band ist – legt ein düsteres Fundament.  In dem Lied heißt es bei aller Hoffnungslosigkeit aber auch „pray for something better“ und „please love me“– es gibt also einen Hoffnungsschimmer. Das ist  die Mischung, mit der  The Cure arbeiten: Düsterheit in allen Facetten beschreiben und sie zugleich durch Hoffnungsschimmer infrage stellen.

Natürlich geht es auch um Nostalgie, nicht nur für das mit der Band gealterte Publikum trifft das zu, auch für die Band selbst. Am deutlichsten und wundervollsten  wird das bei dem bis dato noch nicht veröffentlichten Lied „It Can Never Be the Same“ herausgearbeitet. The Cure klingen da wie in ihren Anfangsjahren, weit weg von dem rockoperähnlichen Zeug aus den 90ern, das sie selbstverständlich ebenso spielten. Es war ein großartiges Konzert, und man kann auf das nächste Album gespannt sein.