Berlin - Am Montag hat die gegenwärtig erfolgreichste junge deutsche Popkünstlerin vor Tausenden von Zuschauern im Tempodrom ein begeistert bejubeltes Konzert gegeben; zweieinhalb Stunden lang spielte sich Vanessa Mai durch die Songs ihrer ersten Solo-LP „Für Dich“ sowie durch ihr musikalisches Frühwerk, das sie in den Jahren 2014 und 2015 in der Gruppe Wolkenfrei produzierte, darunter Hits wie „Wolke 7“ oder „Jeans, T-Shirt und Freiheit“.

Von ihren Verehrerinnen und Verehrern wird die Sängerin und Tänzerin, die als Vanessa Mandekic im Mai 1992 geboren wurde und deswegen den Künstlernamen Mai nutzt, als „neue Helene Fischer“ gefeiert, was durch den Umstand noch interessanter wird, dass sie mit dem Stiefsohn der Helene-Fischer-Rivalin Andrea Berg verlobt ist und sich von ihm geschäftlich betreuen lässt. Dieser erste große Berlin-Auftritt von Vanessa Mai – wegen starker Nachfrage aus dem Wintergarten zunächst in den Friedrichstadtpalast und dann ins Tempodrom verlegt – war also auch darum von Interesse, weil man hier der kommenden deutschen Pop-Nationalkünstlerin begegnen konnte.

In Blut getaucht

Das Konzert begann in überraschend ungemütlicher Weise mit dem beklemmenden Bewegtbild eines konvulsivisch zuckenden, offenen Herzens, dazu wurde der gesamte Konzertsaal in dunkelrote Blutfarbe getaucht: „Mein Herz schlägt Schlager“ hieß nämlich das erste Lied von Vanessa Mai. Dazu trug sie einen schwarzen Body, schwarze Stiefel und eine zerfetzte Schürze mit Karoküchentuchmuster; in dieser Bekleidung bot sie anschließend auch Lieder wie „Wachgeküsst“, „Für dich“ und „Meilenweit“ dar und richtete sich in längeren Ansprachen an ihre Hörerinnen und Hörer, in denen sie ihr Glück über den gelungenen Abend bekundete. „Alles, was ich mir jemals erträumt habe, habe ich mir auf die Bühne geholt“, sagte sie etwa, was angesichts der Tatsache, dass sich auf der Bühne ansonsten nur ein Schlagzeuger und ein Keyboarder befanden, bescheiden erschien.

Die Musik von Vanessa Mai kann man sich als eine Mischung aus günstig gewirktem Industriestandard-Schlager, flotten Discofoxrhythmen und gelegentlich eingeflochtenen Rave-Fanfaren und Ibizaklubmusik-Geräuschen vorstellen. Die Wolkenfrei-Lieder wurden von Felix Gauder produziert, der als Mitglied der Gruppe E-Rotic ( „Max Don’t Have Sex With Your Ex“) in den Neunzigerjahren zu den prägenden Genies des Eurotrash-Genres gehörte; „Für Dich“ entstand unter der Regie von Dieter Bohlen, der die aktuelle Single-Auskopplung „Ich sterb für dich“ auch als Duettpartner im Refrain mit seiner markanten Kopfstimme verschönert.

Zu dem siebten Stück „Du berührst mein Herz“ zog Vanessa Mai sich zum ersten Mal um, nun trug sie einen BH in Ocker und eine fleischfarbene Highway-Hose und sah dadurch im ersten Moment aus wie nackt. Dass sie es nicht war, konnte man in den hinteren Reihen anhand der Live-Übertragung des Konzerts auf eine Großleinwand über der Bühne erkennen. Weil die Highway-Hose so tief in ihre Poritze schnitt, bat Vanessa Mai ihren Kameramann Greg darum, sie in dieser Montur auf keinen Fall von hinten zu filmen, was Greg zum allgemeinen Gekieks und Gejuchze natürlich gerade deswegen tat.

Diese Szene war typisch für die kunstvoll verklemmte, auf den Schwebezustand der unerfüllten Frühreife fixierte Erotik von Vanessa Mai. „Lasst uns versuchen, ein bisschen sexy zu sein“, sagte sie später auch vor dem Stück „Sommerliebe“, wobei der Eindruck vorherrschend blieb, dass hier jemand etwas versuchte.

Einige Male wurden kleine Mädchen auf die Bühne geholt, die sich dort mit Vanessa Mai fotografieren ließen. Sie wurden von ihr konsequent als „kleine süße Mäuse“ angeredet – so konsequent und auf Augenhöhe, dass Vanessa Mai keinen Zweifel daran ließ, dass sie sich selber als kleine süße Maus sieht. Dass es draußen in der restlichen Welt irgendeine Frau geben könnte, die diese Anrede als sexuell abwertend empfindet, wirkte am Montag im Tempodrom undenkbar und unverständlich.