Schön war’t jewesen bei Marianne Faithfull. Darf man so lokaljovial sagen, denn die Künstlerin selbst reklamiert gleich zu Beginn des Konzerts die Stadt für sich. „Dies ist meine Stadt, wirklich,“ begrüßt sie mit ausgebreiteten Armen die gut zweieinhalbtausend Berliner im voll besetzten Tempodrom. Ihre Mutter, Tochter einer ungarischen Jüdin, habe hier zur Weimarer Zeit Ballett studiert und getanzt, bevor sie zu ihrer Familie nach Wien geflüchtet sei, „weil sie dachten, da wären sie sicher vor den Nazis“, lacht sie mit beiläufigem Sarkasmus. „Aber was soll ich sagen“ – sie zuckt mit den Achseln – „sie haben überlebt, dank meines Vaters, der ein englischer Spion war.“

Eigentlich ist sie gekommen, um zu singen. Schließlich, darauf weist sie öfter seufzend hin, begeht sie auf dieser Tour ihr fünfzigjähriges Bühnenjubiläum. Jedoch verbringt sie ein gefühltes Drittel des zweistündigen Auftritts plaudernd. Und das war gut so. Sie ist nämlich eine prima Plaudertasche, die – dank der Mutter ist sie ja eine Freiin von Sacher-Masoch (ja, genau) – mit aristokratischem Understatement parliert: über sich selbst („zu dumm, um ans Wassertrinken zu denken“, als das Publikum die Krächzende daran erinnert), ihre Inspirationen (coole Figuren), die politischen Überzeugungen („viel Hoffnung habe ich eigentlich nicht“) und Drogen („nur noch Paracetamol“) redet. Außerdem kann sie dabei an der E-Zigarette nuckeln und sich schwer vom Mikroständer auf den Stuhl und zurück plagen – wegen eines Hüftbruchs kann sie sich nur seltsam elegant mit Stock halten. „Die Schmerzen waren unvorstellbar, und ich durfte ja keine Schmerzmittel nehmen“, lässt sie grinsend den Morphinismus anklingen.

Durch die Einlassungen gewinnt auch, zum Beispiel, das eröffnende, etwas schlockig arrangierte, „Give My Love to London“ deutlich an Kontur, wenn sie mit Respekt erzählt, dass Co-Autor und Outlaw-Countrystar Steve Earle „einer der letzten lebenden Sozialisten der USA ist“. In dem ironischen Titel selbst weist sie darüber hinaus auf ihre Verehrung für Brecht/Weill hin und zurück in ihre Outlaw-Sixties, als man sie dafür dämonisierte, dass sie Sex-, Drogen- und Rock’n’Roll-mäßig mit den Jungs, also den Rolling Stones, mittat. Die schrieben ihr dafür 1964 den ersten Hit „As Tears Go By“ und fünf Jahre später – mit ihr gemeinsam – „Sister Morphine“. Ersteren hakt sie ein bisschen lieblos radiopoppig ab – aber in „Sister Morphine“ beschwört sie großartig den gespenstischen Junkiehorror mit der ganzen kaputtgelebten Brüchigkeit ihrer tollen, seltsam zerknautschten Stimme. Die Songs markieren ihren Aufstieg und Fall – von einer der spektakulärsten Frauen der Sechziger, die Künstlerausgabe von It-Girls wie Edie Sedgwick oder Uschi Obermaier in den Totalabsturz von Selbstmordversuch, Anorexie und Obdachlosigkeit in den Siebzigern.

Schaudern in Berlin

Natürlich spielt sie die Hits ihres großen New Wave-Comebacks von 1979, eine finstere, bassbetonte Version des titelgebenden „Broken English“, den „Witches“ Song“ und die Hausfrauenausbruchshymne „The Ballad of Lucy Jordan“, die etwas elektrobereinigt daran erinnert, das sie vom Countrykomponisten Shel Silverstein stammt. Und weil ihr neues Album sehr hübsch geworden ist, spielt sie auch davon etliches, wobei das grollend zivilisationsskeptische „Mother Wolf“ kaum halb so lang ausfällt, wie die Ausführungen zum dazu anregenden Rudyard Kipling. Wie üblich arbeitet sie auf diesem doch schon 18. Album mit coolen Figuren, zum Beispiel Anna Calvi im feinen, retroangeschlagenen „Falling Back“ oder Nick Cave in „Late Victorian Holocaust“, „meinem neuen Junkiesong“. Letzter Song ist „The Last Song“, entstanden nachts mit Damon Albarn: „Wir waren sturzbetrunken und auf Kokain, und am Morgen hatte ich ihn total vergessen. Zum Glück hat ihn jemand aufgenommen.“

Man verbrachte also einen insgesamt fein gestalteten, mit interessantem Hintergrund ausgelegten Abend. Man erfuhr noch, dass es sie in Berlin, bei aller Liebe, doch auch immer noch schaudert – und die Namen der Band, der Tonleute, Lichtmenschen, Assistenten und ihres Managers. „Ja, ihr liebt mich“, warf sie am Ende, ganz Grande Dame, Kusshände ins Volk. „Und ich liebe euch. Das ist mein Job. Und meine Pflicht, und mein Vergnügen.“ Danke gleichfalls.