Die Berliner Philharmoniker, mit ihrem Dirigenten Kirill Petrenko (rechts) und dem Solisten Frank Peter Zimmermann (stehend).
Foto:  Stephan Rabold

BerlinGemeinhin gilt der Abstand, den die Orchestermusiker auf der Bühne nun halten müssen, als Arbeitserschwernis. Vielleicht hat er auch seine hilfreichen Seiten, sodass in Zukunft, wenn sich die Lage wieder entspannt haben sollte, ein Dirigent sagen wird: Setzt euch mal weiter auseinander, ich hätte gerne einen luftigeren Orchesterklang!

Im Konzert dargeboten krankt Alban Bergs Violinkonzert jedenfalls oft am Missverhältnis zwischen einem Orchester mit komplexem Stimmengeflecht und einer Solo-Geige, die sich in der Lautstärke nur mühsam dagegen behaupten kann. Bei den Berliner Philharmonikern mit Kirill Petrenko am Donnerstagabend hingegen: keine Spur davon. Aufgefächert erscheint nicht nur die Sitzordung, sondern auch der Klang, und plötzlich stellt sich Bergs penibel mit „Haupt-“ und „Nebenstimme“ bezeichneter Orchesterpart wie ein durchscheinendes Gewebe dar. Mühelos kann sich der Solist Frank Peter Zimmermann einfügen.

Seinen Part spielt Zimmermann mit melancholischer Zartheit, Petrenko wiederum ist sich nicht zu schade für die Rolle des Organisators, der die Rahmenbedingungen setzt für eine komplex sich verzweigende Musik. Luftig und leicht klingt die auch noch in aufgewühlteren Passagen, an Wiener Eleganz mag man denken, stärker fast noch an den fein dosierten Klangfarbenreichtum französischer Musik.

Wie ein Windhauch zieht das Stück vorüber und passt damit überraschend gut zu Antonín Dvořáks 5. Sinfonie im Anschluss. Seinem Interesse fürs romantische Nebenrepertoire bleibt Petrenko damit treu, kaum einmal ist die Sinfonie sonst zu hören, was den Dirigenten nicht davon abhält, sich entschieden für das Werk ins Zeug zu legen. Nichts macht ihn in seiner Begeisterung irre: wenn Dvořáks Musik im ersten Satz etwas plump eine Blaskapelle imitiert, wenn sie im zweiten Satz den Salon-Ton nicht nur streift und wenn sie im Schlusssatz gänzlich überraschend einen Ernst an den Tag legt, so pompös, dass man ihn nach dem Vorangegangenen kaum nachvollziehen kann. Petrenko jedoch nimmt die Dinge, wie sie sind, und vermag, musikalisch zu überreden, wenn nicht zu überzeugen.

Eine Klangwelt von Jean Paul’scher Buntheit, Fantastik und Affektiertheit tut sich vor dem Hörer auf, in der gleich zu Beginn die Klarinetten und Flöten zum Vogelmarsch zwitschern; wo Zart- und Derbheiten sich abwechseln wie Gräser und Steine in einem böhmischen Wäldchen. Und bei alledem bläst ein Wind, den Petrenko und die Philharmoniker unnachahmlich sanft und frisch wehen lassen. Ganz entschieden versteht Petrenko dieses Stück als eine Übung in Leichtigkeit, und wie er diese Übung so charmant bewältigt, zeigt sich eine Seite Petrenkos, die zumindest in Berlin noch nicht so oft zu erleben war.

Noch einmal am Sonnabend, 19. 9., 19 Uhr. Das Konzert wird live gestreamt: www.digitalconcerthall.com