Umweltverschmutzung und Apokalypse, Abbau der demokratischen Rechte und Triebunterdrückung in der verdinglichten Massenkultur sowie Kritik der patriarchalischen Herrschaftsverhältnisse: Das waren einige der Themen, mit denen sich der österreichische Lied- und Protestschlagerdichter Udo Jürgens in seinem Konzert am Sonnabend in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof befasste. Drei Stunden lang spielte er sich mit dem Pepe Lienhard Orchester durch sein 50 Jahre umspannendes Œuvre, zu Beginn des Abends trug er einen Dreiteiler in Dunkellila mit einem roten Einstecktuch, in der Zugabe gab Udo Jürgens ein Medley seiner größten Erfolge in einem weißen Bademantel mit einem Autogramm von sich selbst auf der Brust.

Vor sechs Wochen hat Udo Jürgens seinen 80. Geburtstag gefeiert, im Februar ist sein 42. Soloalbum „Mitten im Leben“ erschienen. Das Berliner Konzert begann mit dem Stück „Die Welt braucht Lieder“, dazu wurde ein Film gezeigt, in dem musikalische Sternschnuppen um die Welt huschten und über bekannten Städten schönen Sternschnuppenstaub abregnen ließen, über Klagenfurt, Wien, Moskau und New York sowie über „Berlin“ und „Ost-Berlin“, was einem zu denken gab. Danach spielte er zwei neue Stücke, „Alles aus Liebe“ und „Was ich gerne wär für Dich“, und richtete sich mit einer etwa zehnminütigen Ansprache ans Publikum, in welcher er darlegte, dass wir alle für unsere Gedanken verantwortlich sind sowie für unsere Taten, auch wenn es in der Familie mal schwierig ist, weil zum Beispiel der Vater zuviel Alkohol trinkt, und dass man andererseits gerade in Berlin sehen könnte, welche Kraft die Gedanken und Sehnsüchte haben, worauf die Politiker dann reagieren müssen, wenn sie nicht wollen, dass es bald vorbei für sie ist: „Hier ist der Gesetzgeber gefordert!“

Drohender Untergang und rauchende Rentner

Udo Jürgens saß an einem schwarzen Flügel in der Mitte der Bühne, das zwanzigköpfige Orchester musizierte in kompetenter Form um ihn herum. Hervorzuheben ist der interessante Gesamtklang der Band: Er war einerseits farbig, satt und differenziert, aber andererseits wattig, gedämpft und hintergrundhaft, es gab kaum Bässe und Höhen zu hören, sondern wesentlich Mittelfrequenzen. Je nach Neigung kann man das Ergebnis als samtig bezeichnen oder als schlaff. Jedenfalls standen Udo Jürgens’ Stimme und Spiel dadurch stets unangefochten im Vordergrund.

Die erste Hälfte des Abends war gesellschaftspolitisch engagiertem Liedgut gewidmet, wobei die Songs von der neuen Platte sich gut mit dem Repertoire der Siebziger verbanden. So folgte auf „Der gekaufte Drachen“ aus dem Jahr 1978, in dem Jürgens die Entfremdung zwischen einem Großkapitalisten und seinem kleinen Sohn thematisiert, das aktuelle Stück „Der gläserne Mensch“, das sich mit den Risiken des Internet befasst. Den „jungen Leuten“, erläuterte er in einer weiteren, wiederum etwa zehnminütigen Ansprache, sei es ja wohl „egal, ob sie abgehört werden“. Aber man stelle sich vor, was passiert, „wenn unsere Daten in die Hände eines faschistoiden Regimes fallen sollten“ – da müsse man „noch nicht einmal an Nordkorea denken“.

Sehr gut zu dieser apokalyptischen Stimmung passte auch das später aufgeführte „Tausend Jahre sind ein Tag“, in dem Udo Jürgens sich ebenfalls schon Ende der Siebzigerjahre mit der Seinsvergessenheit der Zivilisation und deren drohendem Untergang befasste. Das Stück war als Titelmelodie in der japanisch-französischen Zeichentrickserie „Es war einmal… der Mensch“ zu hören und wurde von Siegfried Rabe mitkomponiert, der mit „Hallo Alf, hier ist Rhonda“ in den Achtzigern noch einen weiteren auf einer Fernsehserie basierenden Hit erzielte; mit Udo Jürgens erschuf er auch den Titelsong zu den „Tom-und-Jerry“-Trickfilmen, der an diesem Abend leider ungespielt blieb.

Danach folgte eine halbstündige Zigarettenpause, die für mich zu den Höhepunkten des Abends gehörte. Ich kann mich nicht erinnern, je schon einmal mit so vielen tollen Frauen über 70 in einem Konzert gewesen zu sein, die in der Pause wie die Schlote rauchten! Rauchende Rentnerinnen sind sowieso das Größte für mich.

Der Mann im Mittelpunkt

In der zweiten Hälfte des Abends widmete sich Udo Jürgens dann schwerpunktmäßig den Männern und der Männlichkeit. „Der Mann ist etwas Wunderbares, oder sind Sie anderer Meinung?“ fragte er zur Einleitung in diesen Teil. Woraufhin eine Gruppe reiferer Frauen hinter mir lang und anhaltend buhte. „Wer traut sich nicht zum Zahnarzt / aber fängt Kriege an“, sang Jürgens dann in dem neuen Lied „Der Mann ist das Problem“ und antwortete: „Es ist der Mann! Doch die Frauen lieben ihn trotzdem!“

Im folgenden war dann aber auch von männlichem Leid viel die Rede. In dem Klassiker „Ich war noch niemals in New York“ thematisierte Udo Jürgens noch einmal die traumatisierende Triebunterdrückung eines geschurigelten Gatten; in „Griechischer Wein“ besang er die Melancholie migrantischer Väter, die ihre Familien in der fernen Heimat zurückgelassen haben. Ganz am Ende, im Bademantel, sang Udo Jürgens dann noch ein Lied, das für ihn „im Alter immer wichtiger werde“, nämlich „Siebzehn Jahr, blondes Haar“; tatsächlich wird es ja, wie jeder Mann weiß, im Lauf der Jahre immer schwieriger, noch einmal eine Siebzehnjährige herumzukriegen.

Zu diesem Zeitpunkt hielt es die Massen längst nicht mehr auf den Plätzen, seit „Griechischer Wein“ drängten sie sich enthemmt vor der Bühne, eine flotte Brünette in einem schwarzen Minikleid stürmte hinauf und versuchte mit Udo Jürgens zu tanzen, sie wurde von Ordnern eingefangen und abgeführt. Bei „Liebe ohne Leiden“ sang die ganze Halle wie aus einem Hals „dü-bi-dü-di-dü“, woraufhin Udo Jürgens lächelnd von hinnen ging. Am 18. März 2015 wird er noch einmal an gleicher Stelle zu sehen sein.