Es war ein mehrfach riskanter Termin, den sich Faith No More für ihr Berliner Konzert ausgesucht hatten. Nicht nur konkurrierten die Altmeister des Crossover-Metal am Sonnabend mit dem zweifellos auch für ihre Zielgruppe attraktiven Finale der Champions League; die Freiluft-Veranstaltung in der Spandauer Zitadelle war zudem von Gewittern bedroht. Vor diesem Hintergrund erwies sich der Titel ihres aktuellen Albums als fast prophetisch: „Sol Invictus“ heißt es, nach dem römischen Fest der Wintersonnenwende – heute kennt man den Termin als Weihnachten – mit dem unter anderem die Durchsetzungskraft des Sonnengottes gegen den trüben Winter gefeiert wurde.

Der Titel spielt darauf an, dass die Band sich 1998 getrennt hat und „Sol Invictus“ eine 18-jährige Albumpause beendet. Tatsächlich zeigt es die Herren, alle Richtung 50 oder darüber, in ungebrochener, prachtvoll blühender Kraft. Andererseits haben sie sich schon vor sechs Jahren wieder – abzüglich des Gitarristen Jim Martin – in der Besetzung ihrer grammynominierten Glanzzeit zusammengefunden. Sie hatten also genug Zeit, um, wie man so sagt, Momentum aufzubauen. Zum Beweis schrien sie zur Begrüßung ihren 8 000 Fans – die meisten augenscheinlich und, was die Textsicherheit angeht, schon länger mit der Band bekannt – den trotzigen neuen Song „Motherfucker“ mit stählernen Kiefern entgegen.

Wobei die Show schon eine halbe Stunde vorher begonnen hatte. Da schickten sich weiß gekleidete Helfer an, die weiß verhüllten Verstärkertürme und Boxen mit ausladenden Blumengestecken zu schmücken, während Musical- und Burt Bacharach-Songs luftig über das abendsonnige Feld wehten. Und so kam es, dass die gleichfalls in großzügig geschnittenes, meditatives Weiß gekleidete Band in einem ganz wundervollen Blütenmeer zur Arbeit schritt. Dies bildete auch einen hübschen Kontrast zum eher vorschriftsmäßigen Metal-Schwarz der Leute und dem meist weniger friedlichen Mittelfinger-Rock der Band.

Es handelte sich dabei jedoch um eine sehr moderne Art der Ironie. Denn zu den Eigenarten und Vorzügen Faith No Mores gehört es, dass sie sich stilistisch nicht eineng-en und in ihre brachialen und messerscharfen Hardcore-Figuren so ziemlich alles zwischen Pop, HipHop und Jazz einbauen. Einen ihrer größten Erfolge hatten sie zum Beispiel mit dem Commodores-Cover „Easy“, einem wundervollen Schmachter, der die Menschen zum Wiegen brachte und bei dem sich die Band in schönster, fliederfarbener Beleuchtung präsentierte. Ihren Sinn fürs Zarte unterstrichen sie auch in der Zugabe, wo sie mit Bacharachs „This Guy“ In Love With You“ ans loungige Vorprogramm anknüpften.

Diese Ausflüge gelingen einerseits, weil sie mit Mike Patton einen sehr speziellen Sänger haben, der das mit einer angeblichen 6 ½-Oktavenstimme tragen kann, die er in den vergangenen 18 Jahren in experimentellen Extremprojekten – Oper, Konzeptmetal, HipHop, Björk – fit gehalten hat. Ganz großartig, wie er je nach Anforderung hell und schrill kreischt, sich voll schmetternd die Brust aufreißt oder so böse und laut grollt, dass auch die ständig über der Tegel-nahen Zitadelle fliegenden Flugzeuge nicht zu hören sind. Zum anderen ist das Quintett insgesamt ganz ausgezeichnet für sein Crossover gerüstet ist. Mühelos wechseln sie vom jazzig-eleganten Funk von „Evidence“ in den rüpelnden Rock-Hop mit Powerballaden-Refrain ihres ersten Hits „Epic“ von 1990, kommen abrupt, aber lässig von „Easy“ ins schwere Riff von „Last Cup of Sorrow“ oder von der dickblütigen Grunge-Wucht von „Ashes to Ashes“ ins Punkriff mit Klavierbacking des neuen „Superhero“. Und vor allem fügen sich inmitten der überaus markanten Energie die neuen Titel ganz selbstverständlich und ohne jeden Temperaturabfall ein.

Nicht ganz rund läuft allein die Kommunikation mit dem Publikum, das offenbar zu sehr mit Begeistertsein beschäftigt ist, um auf die Ansprachen zwischen den Songs zu reagieren. Keyboarder Roddy Bottum: „Wir haben übrigens ein neues Album, das uns sehr gefällt.“ Publikum: „(–)“. Bottum: „Na, danke, dass ihr euch so mit uns freut.“ Auch ein kleiner Exkurs, in dem sie erzählen, dass sie im Vorprogramm der Metal-Legende Metallica von deren Anhängern von der Bühne gewatscht worden seien, ihre Auftritte also durchaus nicht immer erfolgreich ausfielen, geht unter. Daher bekräftigt die Band am Ende entschuldigend – „was wir eigentlich sagen wollen“ – ihre Dankbarkeit lieber noch einmal explizit. „Hier fühlt man sich unter Freunden“ meinen sie und stimmen mit Macht den hiphoppigen Grölchant „We Care a Lot“ an. Es weht ein Hauch von Stadion durch die warme Nacht, und selbst dieses nicht unriskante Manöver wirkt an diesem schönen, kurzweiligen Abend wie ein souveränes Statement der Unverwüstbarkeit.