Urin: das ist das große Trendthema in der Popmusik der aktuellen Saison. Das tollste Stück auf dem bislang tollsten Album des Jahres, „Tied Up In Nottz“ von den hier bereits vielfach gepriesenen Sleaford Mods, befasste sich in zärtlich-lyrischer Weise mit den Geruchsähnlichkeiten zwischen abgestandenem Urin und gebratenem Schinken. Das Kölner Diskurspopduo Schnipo Schranke, das im letzten Jahr mit Liedern über korrekte Intimrasur („Dreitagemuschi“) und temporäre Inkontinenz („In meiner Hose ist braune Soße“) bekanntgeworden ist, hat mit seiner aktuellen Single „Pisse“ den unter den gebildeten Hipstern des Landes meistmitgepfiffenen Sommerhit erzielen können.

Im Friedrichshainer Tanz- und Körperselbsterfahrungsklub Berghain wurde wiederum schon seit Monaten den Urin der Besucher zu großen Teilen nicht, wie sonst üblich, in die Kanalisation gespült, sondern vielmehr in großen Behältern gesammelt; nach einem mehrmonatigen Reifeprozess soll die goldgelbe Flüssigkeit nun am heutigen Donnerstag einem guten Zweck zugeführt werden.

Hauptsache, Schlangenkotze

In der Kantine des Berghain, wiederum, gab am Dienstagabend das Berliner Punkrockterzett Piss ein hervorragendes Konzert. Eine kurze, aber sehr laute halbe Stunde lang spielten Piss sich in dem ausverkauften und äußerst erhitzten Saal durch ihre Songs, die zum Beispiel „Rest In Piss“ (Ruhe im Urin) oder „Snake Vomit“ (Schlangenkotze) heißen; dabei wussten sie gleichermaßen im Fach des hochgeschwinden Hau-drauf-und-schluss-Hardcore-Rocks zu begeistern, wie sie sich in musikalisch immer komplexer werdenden, insbesondere gegen Ende des Konzerts geradezu Progressive-Rock-artig wirkenden Strukturen bewiesen.

Glänzend auch die Vokal- und Körperartistik: Der fürs Leitgebrüll zuständige Gitarrist der Gruppe ließ sich vom Schlagzeuger und der Bassistin immer wieder mit virtuos eingestreuten „Fuck“-, „Piss“-, „Oi“- und „Uargh“-Rufen unterbrechen und zum Weiterbrüllen anstacheln; die Bassistin bewegte sich beim „Uargh“-Rufen und Bassspielen so ruckartig, als würde ihr Körper nicht durch Knochen, Muskeln und Sehnen zusammengehalten, sondern durch Schrauben und Muttern.

Fühlte man sich anfangs wie bei einem Rock-gegen-Rechts-Festival in einem westdeutschen Jugendzentrum der frühen Achtzigerjahre, erinnerten Piss gegen Ende eher an die Jazzrock-inspirierten sogenannten Post-Hardcore-Gruppen des SST-Labels, etwa Saccharine Trust oder SWA. Der Titel ihres Songs „How Simple Can Punk Get?“ – wie schlicht kann Punk werden? – muss mithin als ironisch gewertet werden.

Mit dem Konzert von Piss wurde ein rundum kurzweiliges Minifestival eröffnet. Als zweite Band des Abends spielte das Trio Business Lunch, dessen Gitarrist trotz der hohen Temperaturen im Saal mit einer tarnfleckbesprenkelten Pelzmütze auftrat. Durch den exaltierten Sopran der Business-Lunch-Sängerin Nadia Buyse erhielt ihre Version des Hardcore Punk einen leichten Zug ins B52’s-hafte; da dem Schlagzeuger trotz seiner stämmigen Statur stets nach wenigen Minuten die Arme erlahmten, endeten alle Stücke in einem anderem Tempo als in jenem, in dem sie begannen.

Bei dieser Band sind Suchmaschinen nutzlos

Als Hauptattraktion des Abends war dann das aus Syracuse stammende Quintett Perfect Pussy zu sehen, was auf deutsch „perfekte Muschi“ bedeutet. Gibt man den Namen der Gruppe in eine Internetsuchmaschine ein, stößt man auf glattrasierte Geschlechtsorgane von Frauen in Weichzeichneroptik.

Die Perfect-Pussy-Sängerin Meredith Graves bezieht sich in ihren Texten nach eigener Auskunft einerseits auf die Philosophie von Roland Barthes sowie andererseits auf die Konzeptkunst von Jenny Holzer, was am Dienstagabend schwer zu überprüfen war, weil man die Texte schlicht nicht verstand. Das lag nicht daran, dass Meredith Graves sich beim sportiven Herumzucken zwischen ihren Mitmusikern nicht um stimmliche Klarheit bemüht hätte.

Leider nur konnte der Mann am Mischpult trotz anhaltend hektischer Suche bis zum Ende des Auftritts den Regler nicht finden, durch dessen Bedienung ihr Gesang hätte hörbar gemacht werden können. Das kann man als Dilettantismus bemängeln. Wenn man jedoch, wie viele Punkrocker, Dilettantismus als Lebenseinstellung schätzt, war das Konzert von Perfect Pussy auch in dieser Hinsicht perfekt.