Konzertabend mit Gerhaher: Im Lied zu Hause

Wann hat es das hier in Berlin gegeben – einen Sänger, der das Wagnis eingeht, gleich beide großen Liederzyklen von Schubert im Zusammenhang aufzuführen? Einen Pausentag immerhin legte Christian Gerhaher zwischen der „Schönen Müllerin“ und der „Winterreise“ ein, trotzdem bleibt es eine extreme Herausforderung, nicht nur für Physis und Gedächtnis, sondern auch für die Interpretation. Man muss sich schon etwas einfallen lassen, um 44 Lieder hindurch ein Publikum zu überzeugen.

Angela Merkel macht Pause

Gerhaher ist der erste Sänger, dem die Ehre zu Teil wird, für eine Saison als Artist in Residence in der Philharmonie zu wirken, und die beiden Liederabende bilden den Höhepunkt dieses Engagements. Für die „Winterreise“ war der Kammermusiksaal schon seit Längerem ausverkauft, und auch am ersten Abend bleiben nur sehr wenige Plätze frei. Selbst die rückwärtigen Sitzreihen dieses Saales, der mit seiner Rundumbestuhlung für Gesang eigentlich ungeeignet ist, sind besetzt. Und auch die Bundeskanzlerin gönnt sich zwischen Koalitionsverhandlungen und laufenden Regierungsgeschäften einen Abend mit der „Schönen Müllerin“.

Zwar unternimmt Christian Gerhaher auch zuweilen, etwa als Hans Werner Henzes „Prinz von Homburg“, erfolgreiche Ausflüge auf die Opernbühne, aber sein eigentlicher Ort ist der Konzertsaal. Schuberts Lieder bilden neben Schumann und Mahler das Kernrepertoire des 1969 geborenen Sängers. Er hat viele davon, auch die beiden Zyklen, auf CD aufgenommen, und zu ihnen kehrt er immer wieder zurück, gemeinsam mit Gerold Huber, seinem Klavierpartner seit Studienzeiten.

Passionierte dichterische Bilderwelten

Wie tief Gerhaher in den Kosmos der Dichtungen Wilhelm Müllers und der Schubertschen Vertonungen eingestiegen ist, zeigte ein Vortrag, den er beiden Konzerten voranstellte. Überraschend dabei war vielleicht die Passioniertheit, mit der Gerhaher sich auf die dichterischen Bilderwelten des leichtgewichtigeren der beiden Zyklen einließ. In der „Schönen Müllerin“ sieht er weniger eine Geschichte von Liebesglück und Betrug, sondern die Darstellung eines narzisstisch getönten Liebeswahns und dessen Verarbeitung. Wie solche Gedanken zwar nicht unmittelbar durch die musikalische Interpretation vermittelbar sind, diese aber mitbestimmen, war an dem ersten Abend eindringlich zu erfahren.

Gerhaher verniedlicht nichts, er kokettiert nicht mit dem volkstümlichen Schein, der sich über Wanderschaft, Bachrauschen, Mühlengeklapper und nickende Blümchen legt, sondern er folgt der wahnhaften Unterströmung dieses raffinierten Zeichenspiels, sucht die Brüche in dem fortlaufenden Selbstgespräch, das der Wanderer hier führt. So besitzt der Reigen, den Wasser, Räder und selbst die Steine im Bach während des ersten Liedes aufführen, gar nichts Putziges, sondern wird eher in Bedrängnis wahrgenommen. Am deutlichsten wird dies durch eine zögernde Pause, die die letzte Strophe mit der Wendung von der Natur zu sich selbst und dem vorgeblichen Bekenntnis zur Lust am Wandern einleitet, mit derart unwirschen Akzenten auf beiden Silben des Wortes „Wandern“, dass die Lust daran erzwungen scheint.

Unvergleichlich textverständlich

Den sentimentalen Zügen in der „Schönen Müllerin“ begegnet Gerhaher mit größter Schlichtheit. So etwa in der eindringlich, aber ganz zurückhaltend im Ton, ganz von der Gestik der Sprache her genommenen Reihung von Fragen in der „Danksagung an den Bach“. Und auch wo der Drang der Empfindung zu größeren Ausbrüchen treibt, wie etwa im „Feierabend“, herrscht nie hohles Poltern, sondern stets eine innere Gespanntheit, die sich bis in die von Gerhaher gern eingesetzte Entfärbung der Stimme hinein fortsetzt. Und wenn er einzelne Wörter besonders formt und hervorhebt, geschieht dies in seinem unvergleichlich textverständlichen Vortrag nie als didaktische Manier, sondern mit zumeist überraschender Absicht zur Aus- und Umdeutung des Textes, mitunter auch gegen die Vortragsanweisungen der Partitur, wie in der aufbrausenden Enttäuschung darüber, dass die Mühlenchefin zum Feierabend „allen“ eine gute Nacht wünscht.

Gerold Huber ist am Klavier ein kongenialer Gestalter, nicht nur klanglich sensibel und rhythmisch mit einer der Sprache nachempfundenen Plastizität. Er vermag in wenigen Vorspieltakten oder kadenzierenden Schlussklängen die ganze Atmosphäre eines Liedes hervorzurufen. Und wo es sein muss, setzt er der Singstimme die Klavierstimme selbstbewusst entgegen, am extremsten in „Jäger“, wo sich das begleitete Lied wirklich in eine instrumental-vokale Szene auflöst.

Jener geschlossene Eindruck einer völligen, individuell ausgedeuteten und angemessenen Aneignung wie in der „Schönen Müllerin“ konnte sich in der „Winterreise“ nicht fortsetzen. Schon am ersten Liederabend wirkte Gerhaher auf dem Podium etwas geschwächt. Es war nicht zu hören, aber zu sehen, wie er mit sich kämpfte, selbst das Aufstützen auf den Flügel besaß nichts Posenhaftes, sondern wirkte wie eine notwendige Geste. In der „Winterreise“ dann machten sich schon zu Anfang Spuren der Überanstrengung bemerkbar. Ausdrucksextreme wurden nicht mehr recht verbunden, für den Höhepunkt der „Gefrorenen Tränen“, des dritten Liedes, reichte die Kraft noch gerade so. Dann gab es ein Räuspern während der „Wasserflut“ und nach einem grandios zornerfüllten „Auf dem Flusse“, dem siebten Lied, verließen Gerhaher und Huber überraschend das Podium.

Der gebrochene Bogen

Nach einer längeren Pause und ärztlicher Behandlung konnte der zuvor von Koliken gequälte Sänger zwar seinen Auftritt fortsetzen. Aber der Spannungsbogen war gebrochen, und bei aller Kunstfertigkeit, die Gerhaher auch in solcher Situation noch zur Verfügung steht, dominierte doch der Eindruck einer großen Anstrengung, über das Kämpferische, ja Zynische hinaus, das Gerhaher als Grundzug seiner alles andere als larmoyanten Auffassung der „Winterreise“ betonte.