Berlin - Es ist ja so. Manchmal kann ein einziger Ton, ein misslungener Einsatz, eine doofe Idee, ein sich nicht ins Gesamtbild fügender musikalischer Gedanke ein gesamtes Konzert komplett ruinieren. Im besseren Fall hat man solche Missklänge als Hörer gleich wieder vergessen. Im schlechteren Fall wird einem in solchen Momenten schlagartig klar, dass und warum eigentlich schon während der ganzen Zeit in der künstlerischen Darbietung der Wurm drin gewesen ist. So war es am Dienstagabend beim CTM Festival im Berghain: Eine Stunde lang hatten Peter Rehberg und Stephen O’Malley mit Laptops und vielfältig manipulierter Gitarre lichtlosen Lärm produziert, hatten basslastig-brutales Brummen mit kieferknochenerschütterndem Geknirsch kombiniert sowie mit keck sich ins Gehirn sägenden Obertönen und einem bedrohlich im Klangboden wühlenden Puls – da türmten sie zum Schluss ihres Konzerts noch einmal alles Material aufeinander, bis die hohe Halle des Berghain bis zum Bersten mit ohrenbetäubenden Disharmonien ausgefüllt schien – um dann, zack: allen Krach schlagartig zu stoppen, so dass nur noch ein sanft verklingender Geigenton zu hören war.

Ein sanft verklingender Geigenton! Du liebe Güte!

Eine romantische Klangsülze

Das war nun wirklich das Letzte, was man an dieser Stelle hören wollte: eine romantische Klangsülze, ein wimmernder Kitt, der im Nachherein blöd verklebte, was bis dahin vor allem menschenfeindlich und schroff wirken sollte. Denn alle Schönheit, aller Reiz, den die Musik von O’Malley und Rehberg bislang besaß – den einen kennt man sonst von den Drone-Metal-Mönchen von SunnO))), der andere ist als Inhaber des Wiener Mego-Labels der führende Ohrenschinder von Österreich –, rührte ja aus der völligen Abwesenheit von romantischer Subjektivität, aus dem reinen post-humanen Sprechenlassen des Materials: Sinustöne, Rückkopplungen, weißes Rauschen. Dazu passt aber kein elektronisches Imitat analoger Instrumente; dazu passt keine Simulation irgendeines „natürlichen“ Tons, der dann auch noch auf gefühliges Schwelgen zielt. Ein ordentlicher Abend mit elektronischem Krach sollte mit einem Bums enden oder mit einem Britzeln, mit einem Knirschen oder meinetwegen mit dem Seufzer einer implodierten Transistorröhre – aber niemals, wirklich niemals mit einem sanft verklingenden Geigenton.

Vielleicht – dachte man, während die Empörung wieder abebbte – zeigte sich in diesem Schluss aber auch nur die allgemeine Erschlaffung der aktuellen Krach-Elektronik. Schon vorher hatten O’Malley und Rehberg beim Lärmen einen routinierten, man könnte auch sagen: behäbigen Eindruck erweckt; Krachbeamte in der Ohrenschindschleife. Vielleicht haben sich ihre und unsere Organe in den letzten Jahren zu sehr an das monotone Gequältwerden gewöhnt, als dass noch ein weiteres Drone-Konzert auf Interesse oder Begeisterung stoßen kann. Vielleicht sollte man bei Elektronik-Avantgarde-Pop-Festivals wie dem CTM einfach mal ein paar Runden lang auf stehende Brummtöne verzichten, bis Künstler und Hörer wieder Lust darauf bekommen? Ich glaube, wir brauchen ein Drone-Moratorium.

In der Zwischenzeit könnte man sich stattdessen auf lustige Piep- und Blubbergeräusche konzentrieren! Wie es etwa der britische Produzent James Holden tat, der am Mittwochabend im HAU 1 ein hervorragendes Konzert absolvierte: Zu flackerndem Sonne-Mond-und-Sterne-Gekritzel drehte er ein kurzweiliges Stündchen lang an einem wunderschönen alten Modularsynthesizer herum – mit sehr vielen rot und blau leuchtenden Knöpfchen sowie vier eierlikörfarbenen Rädchen darauf. Herrlich, wie das perlte und quietschte und manchmal auch roboterhaft schnarrte; dazu spielte ein Schlagzeuger flotte Fusion-Jazz-Rhythmen, und ein Saxofonist mit einer Saxofonistenschiebermütze blies dick mit Effekten eingekremte Soli hinein.

Euphorisch-emporstrebender Rave-Rhythmus

Am späteren Mittwochabend konnte man dann wiederum im Berghain die Berliner Dub-Techno-Produzenten Moritz von Oswald und Max Loderbauer im musikalischen Zwiegespräch mit dem – unter anderem aus der Fela-Kuti-Band bekannten – Afropop-Schlagzeuger Tony Allen erleben. Während Oswald und Loderbauer, für weite Teile des Publikums unsichtbar, an einem niedrigen Tisch mit allerlei Laptops saßen, thronte Tony Allen hoch über ihnen auf einem Podest und rührte zunächst etwas ungerührt in seiner Gerätschaft herum – bis sich das Trio nach einer guten Stunde dann plötzlich in einen euphorisch emporstrebenden Rave-Rhythmus fand und die bis dahin etwas ratlos herumstehende Menge zum Tanzen brachte: Das immerhin war einmal ein sehr guter Schluss.

Noch besser war nur das, was nach dem Schluss passierte: Mit dem Abgang des Trios erhob sich sogleich im gesamten Gebäude ein immer stärker werdendes Dröhnen und Wummern, ein Zittern und Vibrieren, das durch den Boden und die Wände lief und den gesamten Körper ergriff. Auf der Bühne zu sehen war nun niemand mehr, aber das Publikum blieb trotzdem in der Mitte des Saals stehen und ließ sich durchrütteln und -schütteln. Es hörte und spürte dabei nichts anderes als das, was gerade zuvor schon zu fühlen und zu spüren gewesen war: die Schwingungen des vorangegangenen Abends, wie sie vom Gemäuer des Berghain aufgefangen worden waren. Selbiges hatte der Klangkünstler Mark Bain mit seismografischen Fühlern gespickt; was diese erfühlt hatten, wurde nun als gewaltiges Architektur-und-Körper-Feedback in den Raum zurückgeworfen.

So wurde man als Hörer und Körper zum Teil einer endlos sich in selber verdrehenden Schleife; ein Konzert, das keinen Anfang besaß – und auch kein Ende; es sei denn, dass man sich irgendwann dafür entschied, nun aber mal lieber nach Hause zu gehen. Am Freitag wird das CTM Festival unter anderem mit einem Auftritt des britischer Produzenten Actress fortgesetzt, der nach eigener Angabe mit dem Ziel musiziert, der Menschheit die Musik als solche für alle Zeit auszutreiben.