Berlin - Zu einem interessanten Potpourri unterschiedlichster Arten des popkulturellen Ausdrucks ist es am Montagabend auf dem Gelände des Friedrichshainer Klassik-, Rock- und Kunst-Klubs Berghain gekommen. In der Kantine traten die Gruppen Happy Töle und Auf auf, während im Großen Haus der Pianist Francesco Tristano und die Pianistin Alice Sara Ott auf zwei Steinway-Flügeln ein, so die eigene Formulierung, „pianistisches Zwiegespräch“ unter dem Titel „Scandale“ darboten.

Eröffnet wurde der Abend von Happy Töle, sechs jungen, in Brautgewänder gekleideten Berliner Frauen, die sich zunächst zu einem dunkel pulsierenden Rhythmus im Sechseck auf eine von Sperrgittern abgetrennte Fläche in der Mitte des Kantinen-Raums legten und dann zu einer Art rückwärtslaufender osteuropäischer Marschmusik allmählich begannen, sich aufzurichten und mit großen Löffeln von einem großen Haufen aus etwas, das wie Exkremente aussah, zu essen.

Offenbar schmeckten die Exkremente sehr gut, denn die sechs Bräute erweckten einen sehr zufriedenen Eindruck dabei und schoben einander die braunen Klumpen auch zunehmend begeisterter in die Münder. Ich halte es allerdings auch für möglich, dass es sich gar nicht um Exkremente handelte, sondern um etwas steif geratenen Schokoladenpudding. Aber wie dem auch sei: Nach einer Weile wurde der Saal mit übelriechendem Trockennebel geflutet und von migräneerzeugendem Stroboskoplicht beblitzt, und Happy Töle verschwanden auf Nimmerwiedersehen.

Pianistisches Zwiegespräch

Zwischen den Auftritten von Happy Töle und Auf gab es eine etwa halbstündige Pause, in der man den Kantinensaal schon deswegen gerne verließ, weil es wegen des ausgiebig verströmten Trockennebels so überaus ungünstig roch. Eine Stippvisite im benachbarten Berghain ergab, dass die Luft dort wesentlich besser war. Auch andere Unterschiede konnte man registrieren. So wurden dort keine Exkremente gegessen, sondern Stücke von Ravel und Strawinsky aufgeführt; das dem „pianistischen Zwiegespräch“ beiwohnende Publikum war wesentlich älter als jenes in der Kantine, und während in der Kantine ausschließlich Bier getrunken wurde, verlangte man im Berghain ausschließlich Wein, obwohl es dort eigentlich gar keinen gibt.

Leider war es schwierig, sich auf das Klavierspiel von Tristano und Ott zu konzentrieren, denn das um die in die Mitte des Saals gebaute Bühne mit den beiden Flügeln herumstehende Publikum war ausgesprochen unruhig und hatte nicht Besseres zu tun, als die ganze Zeit mit seinen Mobiltelefonen zu fotografieren. Mir scheint, dass die Sitten bei E-Musik-Freunden auch schon mal bessere gewesen sind.

Also wieder zurück in die Kantine zu Auf, auf die auf alle Fälle immer Verlass ist, wenn es um das entschlossene Schinden von Gitarrensaiten, flottes Doppelbassschlagzeuggetrommel und geschmackvolle Trainingsanzüge im Vintage-Design geht. Eine Stunde lang spielten Anne Rolfs und Matthias Brendel sich durch ihr Repertoire, und bei dem roh gefingerten Liebeslied „Ich und Du“ am Ende liefen selbst manchem harten Mann im Saal die Tränen über die Wangen.