In der Reihe „Bekloppte Cover“ heute: Melody Gardots aktuelles Album „Live in Europe“, worauf wir – als stilisiertes Foto – die Rückansicht einer wohlgeformten Dame mit langem blonden Haar sehen, die nackt mit einer umgehängten Gitarre in einer Konzerthalle steht. Selbst eingeräumt, dass im seit jeher siechen Jazz dem Käuferinteresse etwas nachgeholfen werden muss, sieht der nackte Hintern im Rampenlicht schon betrüblich albern aus.

Die Sängerin agiert sonst eher dezent, aber woher der Zeitgeist weht, erkennt man, wenn sie für ihren größten Hit in Schwarz-weiß und von Tänzern umschwärmt in einer schaumbewehrten Badewanne sitzt. „Baby, I’m a Fool“ heißt das hübsche Lied, eine Verbeugung vor den Capitol-Sechzigern Frank Sinatras, mit einer Melodielinie, die ein bisschen an dessen „Something Stupid“ mit Tochter Nancy erinnert.

Jenseits solch durchsichtiger Manöver blickt man bei Melody Gardot, wenn sie es denn zeigt, ins angenehme Gesicht der Konvention. Die 33-Jährige ist eine der drei großen, weiblichen Jazzstimmen der jüngeren Generation. Gegenüber der plakativen Diana Krall hat sie ein bisschen Raffinesse-Vorsprung; umgekehrt nuanciert Madeleine Peyroux eleganter. Aber innerhalb ihres pop-affinen Sounds deckt La Gardot eine ziemliche Bandbreite ab. Dies lässt sich auf dem sehr ambitionierten, aus vielen Stunden Material kompilierten „Live in Europe“ schön überprüfen.

Es gibt ganz stille, unterinstrumentierte Torch-Songs wie „Our Love Is Easy“, mit dem das Album melancholisch und chansonesk beginnt, und reicht bis zum tribalistischen Trommeln des letzten Stückes. Dazwischen bringt sie Frankophones, Afrobeat-artiges und naturgemäß Bossa (ohne einen Bossa läuft kein Mainstream-Jazz-Album vom Stapel). Aber auch einen „March For Mingus“, der kraftvoll und lebensfroh wie ein Second Line-Blues daherbratzt. Gardot leidet seit ihrem schweren Motorradunfall vor 15 Jahren, der sie zur Karriere anstachelte, an einer gesteigerten Lärmempfindlichkeit.

Das ahnt man mehr, als dass man es hörte: Sie musste die ersten Proben ihrer Solo-Karriere noch im Liegen absolvieren; und vermutlich kommt ihre Meisterschaft in den leisen Tönen auch daher. Die launigen Ansagen auf dem Live-Album, die Lockerheit und Souveränität zeugen indes von einem angenehm zurückgenommenen und doch kraftvollen Selbstbewusstsein. An Kitsch und Populismus fehlt es ihr nicht. Aber innerhalb der Genregrenzen macht sie das schon sehr apart.

Reggae von YolanDa Brown

So ähnlich will ich das für YolanDa Brown formulieren. Sie selbst nennt ihren Sound Posh Reggae, also: Schnösel- oder Gutverdiener-Reggae. Das ist nicht ganz falsch, denn ihr Saxofonspiel erinnert ans glatte Schmeicheln eines David Sanborn oder Kenny G. Nur liegen unter ihren Tracks ausgesprochen kunstvolle, gut getimte Reggae-Riddims.

So gelingt der in den letzten Jahren mit einigen Preisen – etwa dem Mobo-Award – ausgezeichneten Britin ein mitunter recht bezaubernder Cocktail-Jazz auf Reggaebasis, die nur dann wegbricht, wenn sie offenbar ein schlechtes Gewissen bekommt und klingt, als ob sie einen Nachweis amtlicher Jazz-Musikalität (also im Gegensatz zu vermeintlich leichtgewichtigem Reggae) leisten wolle. Das ist selbstverständlich Quatsch.

Ich muss bei ihr an die schönen Sixties-Aufnahmen des Posaunisten Don Drummond denken oder an den jamaikanischen Jazz-Pianisten Monty Alexander. Wie bei diesen führt das in den besten Momenten zu erhellenden Einsichten ins Wesen dieser gerade instrumental unterschätzten Musik in ihrer coolen Schlichtheit, und Brown meistert fein das Problem, sie in den richtigen Groove zu bringen. Den gelegentlichen Gesang brauche ich daher nicht. YolanDa Browns Saxofon ist ein hinreichend erfreuliches Instrument.

Blues und Rock von Bonnie Raitt

Erfreulich finde ich, ganz kurz noch an dieser Stelle, auch Bonnie Raitt. Sie begann gleich auf dem Debüt 1971, mit 21, als ausgezeichnete Blues- und Blues-Rockmusikerin – und bewegt sich ausweislich ihres jüngsten Albums „Dig in Deep“ von 2016 noch immer unprätentiös und aufs Wesentliche konzentriert im Feld von Southern Soul, Blues und Funk. Modern wird die Mucke dadurch nicht; aber stilsicherer könnte sie in ihrem obsoleten Genre kaum sein.

YolanDa Brown, 25.07.2018, Quasimodo, 22.30 Uhr, Telefon: 3180-4560

Melody Gardot, 26.07.2018, Admiralspalast. 20 Uhr, Telefon: 2250-7000

Bonnie Raitt, 27.07.2018, Admiralspalast, 20 Uhr, Telefon: 2250-7000